Vergebung und Endzeit

Als Diskussionsgrundlage zitiere ich einige Bibel-Stellen:

  • Matth. 23, 41: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.
  • Matth. 23, 46: Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten.
  • In Römer 3, 25 heißt es, so erweist Gott seine Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher in der Zeit seiner Geduld begangen wurden. 3, 26: er erweist seine Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit, um zu zeigen, dass…er den gerecht macht, der an Jesus glaubt.
    Römer 3, 21-26 (Lutherbibel 2017):
    „21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes offenbart, die von dem Gesetz und den Propheten bezeugt wird,
    22 nämlich die Gerechtigkeit Gottes, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied:
    23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollen,
    24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
    25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden
    26 in der Zeit der Geduld Gottes, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er allein gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.“

Diskussion

In mehreren der zitierten Bibelstellen wird die Gerechtigkeit Gottes eng mit der Vergebung der Sünden durch Jesus Christus verknüpft. Die Rechtfertigung, die Paulus beschreibt, basiert auf der Gnade Gottes und dem Glauben an Jesus, und sie umfasst die Vergebung der Sünden, was als Ausdruck der Gerechtigkeit Gottes gesehen wird.

Leider steht nicht darin, dass Gott auch beim Endgericht seine Gerechtigkeit durch Vergebung erweisen werde.

Im Aufsatz über die Gerechtigkeit Gottes habe ich folgendes Postulat geschrieben: „Und das so genannte Jüngste Gericht wird ein Fest der Vergebung sein und nicht eine Verurteilung zum Strafvollzug“.

Ein wirklicher Neubeginn der Schöpfung am Jüngsten Tag durch Wiederherstellung der Situation, wie sie am Beginn war, wird in der Heiligen Schrift nicht berichtet. Allerdings enthält sie Hinweise, die auf eine Apokatastase hinweisen (siehe unten).

Die menschliche Gerechtigkeits-Erwartung der Bestrafung wird im Matthäus-Bericht auf Gott übertragen.

Immer wieder ist mir der Gedanke gekommen, dass Gott in seiner Allmacht, Größe und Barmherzigkeit doch nicht einfach die Hälfte seiner ursprünglichen Schöpfung in den Mistkübel wirft. (Ich hoffe, das ist keine Gotteslästerung)

In der genannten Stelle des Römerbriefes steht nicht, dass die Gleichsetzung der Gerechtigkeit Gottes mit seiner Vergebungsbereitschaft sich nicht auch auf die Endzeit erstrecken könnte.

Dem widersprechen allerdings alle anderen Endzeitberichte. Diese sind wohl eine Übertragung menschlicher Eigenschaften auf den großen Gott.

Ich stimme Hans Jonas zu, dass Gott für uns zu einem gewissen Grad verstehbar sein muss. „Ein gänzlich verborgener, unverständlicher Gott wäre für uns auch nicht wahrnehmbar“.

Er ist für uns von Anfang nur mit menschlichen Eigenschaften wahrnehmbar geworden.

So könnte es gekommen sein, dass die Gerechtigkeit Gottes im Endgericht für uns in der Bestrafung liegt.

Für die Vergebung sprechen folgende Gesichtspunkte:

  1. Welchen Nutzen haben die Gerechten davon, die Ungerechten verdammt zu wissen?
  2. Über einen Sünder, der umkehrt, herrscht doch im Himmel hundertmal größere Freude als über einen Gerechten.
  3. Und begrüßen nicht auch wir die Rückkehr eines gewesenen Sträflings in die Gesellschaft viel mehr als seinen Verbleib im Gefängnis. (Zu dieser Einsicht ist auch die österreichische Justiz seit Brodar gekommen).
  4. Im Alten Testament gibt es eine Stelle, wo Gott gefragt wird, was mit einem Menschen geschieht, der in seinem Leben viel Böses getan hat, aber am Schluss eine einzige gute Tat, und was im umgekehrten Fall, also immer gut und zuletzt ein Mal bös. Die Antwort Gottes habe gelautet: im ersten Fall Belohnung, im zweiten Bestrafung (zitiert aus dem Gedächtnis). Das ist zwar zur Kenntnis genommen worden, war aber nicht befriedigend.
  5. Die Vergebung in beiden Fällen wäre befriedigender gewesen.
  6. Die schönste Stelle im Neuen Testament ist das Verhalten des Vaters bei der Rückkehr des verlorenen Sohnes. Keine Rede von Strafe.
  7. Der Gedanke an die endzeitliche Vergebung hat auch schon Origines gehabt (Apokatastasis). Dieser wurde allerdings verworfen.
  8. Eine endzeitliche Vergebung widerspricht nicht der Bibel, obwohl diese meist nur von der Bestrafung und Vergeltung spricht. Nur in der Bergpredigt ist von Feindes-Liebe und -Vergebung die Rede.

Mit meiner Meinung bin ich nicht allein, wie meine Anfrage bei KI (künstliche Intelligenz) zeigt:

Frage 1:
Apokatastasis: Was sagt Origines?

Origenes, ein einflussreicher Kirchenvater des 3. Jahrhunderts, war ein bedeutender Theologe und Philosoph. In Bezug auf das Konzept der Apokatastasis (auch als Apokatastasis panton bekannt, was „Wiederherstellung aller Dinge“ bedeutet), entwickelte Origenes eine umfassende und kontroverse Theologie.

Hauptpunkte der Lehre von Origenes zur Apokatastasis:

  1. Universelle Erlösung: Origenes vertrat die Auffassung, dass letztendlich alle vernünftigen Wesen, einschließlich der Menschen und sogar der gefallenen Engel (wie Satan), zur Einheit mit Gott zurückkehren werden. Dies basiert auf seiner Interpretation von Bibelstellen wie Apostelgeschichte 3:21, die von einer „Wiederherstellung aller Dinge“ spricht.
  2. Reinigende Strafe: Origenes glaubte, dass die Strafe in der Hölle nicht ewig sei, sondern eine reinigende Funktion habe. Diese Strafen sollten die Seelen reinigen und sie darauf vorbereiten, zu Gott zurückzukehren. Er sah die Hölle eher als eine Art Läuterung denn als ewige Verdammnis.
  3. Präexistenz der Seelen: Ein weiterer Aspekt von Origenes‘ Lehre war die Präexistenz der Seelen. Er glaubte, dass alle Seelen vor der Schöpfung der Welt existierten und durch eine Reihe von Prüfungen und Reinigungen gingen, bevor sie in menschlichen Körpern inkarnierten.
  4. Freiheit des Willens: Origenes betonte die Bedeutung des freien Willens. Er argumentierte, dass die Wiederherstellung aller Dinge nur möglich sei, weil alle vernünftigen Wesen die Fähigkeit haben, sich freiwillig zu Gott hinzuwenden.

Theologische und Kirchliche Reaktionen:

Die Lehre der Apokatastasis, wie sie von Origenes vertreten wurde, war in der frühen Kirche umstritten und wurde im Laufe der Zeit von vielen Kirchenvätern und Theologen abgelehnt. Insbesondere im 5. Jahrhundert wurde auf der Synode von Konstantinopel (543 n. Chr.) die Lehre der universellen Erlösung und die damit verbundenen Ideen der Präexistenz der Seelen und der nicht-ewigen Strafe offiziell als Irrlehre verurteilt.

Einfluss und Weiterwirkung:

Trotz der Verurteilung beeinflusste Origenes‘ Denken viele spätere Theologen und Philosophien. Elemente seiner Lehren finden sich in verschiedenen mystischen und theologischen Traditionen wieder. Besonders in der Neuzeit wurde sein Gedankengut wieder aufgegriffen und hat in einigen theologischen Strömungen und Diskussionen über die Natur der Hölle und das Schicksal der Seele nach dem Tod Resonanz gefunden.

Insgesamt bleibt Origenes eine kontroverse Figur, deren Lehren über die Apokatastasis weiterhin diskutiert und untersucht werden.

Frage 2:
Wissen Sie etwas über den Einfluss der Lehre der Apokatastase von Origines auf theologische Schriften aus jüngerer Zeit?

„Der Einfluss der Apokatastasis-Lehre von Origenes auf theologische Schriften in jüngerer Zeit ist ein faszinierendes Thema in der christlichen Theologie. Origenes, ein bedeutender Theologe und Kirchenvater des 3. Jahrhunderts, vertrat die Idee der Apokatastasis, die besagt, dass am Ende aller Zeiten alle Seelen, einschließlich der Teufel, wiederhergestellt und zu Gott zurückkehren würden. Diese Lehre war in der alten Kirche umstritten und wurde schließlich im 6. Jahrhundert auf dem Zweiten Konzil von Konstantinopel verurteilt.

In der neueren Theologie hat die Apokatastasis-Lehre eine bemerkenswerte Wiederbelebung und Neuinterpretation erfahren. Hier sind einige wichtige Punkte, wie dieser Einfluss sich in der jüngeren theologischen Literatur zeigt:

  1. Hans Urs von Balthasar: Der Schweizer Theologe hat in seinem Werk „Dare We Hope ‚That All Men Be Saved‘?“ die Frage der Apokatastasis neu aufgeworfen. Balthasar argumentiert, dass die Hoffnung auf die universale Erlösung gerechtfertigt sei, auch wenn sie nicht sicher sei. Er unterscheidet zwischen der Hoffnung auf die Rettung aller und einer definitiven Lehre darüber.
  2. Karl Barth: Auch Barth, einer der bedeutendsten reformierten Theologen des 20. Jahrhunderts, hat in seiner Kirchlichen Dogmatik die Idee der universalen Versöhnung erörtert. Während Barth die Apokatastasis nicht ausdrücklich befürwortet, lässt seine Betonung der souveränen Gnade Gottes und der allumfassenden Wirksamkeit des Christusereignisses Raum für eine Hoffnung auf universale Erlösung.
  3. Jürgen Moltmann: Moltmann, ein bedeutender deutscher Theologe, hat in seiner „Theologie der Hoffnung“ und anderen Werken die Apokatastasis-Lehre aufgegriffen und weiterentwickelt. Für Moltmann ist die Hoffnung auf die endgültige Versöhnung aller Geschöpfe ein zentrales Element seiner eschatologischen Theologie.
  4. David Bentley Hart: Ein zeitgenössischer orthodoxer Theologe und Philosoph, Hart hat die Apokatastasis in seinem Buch „That All Shall Be Saved: Heaven, Hell, and Universal Salvation“ leidenschaftlich verteidigt. Er argumentiert, dass die Lehre von der ewigen Verdammnis unvereinbar mit dem Wesen Gottes als Liebe sei und dass die Apokatastasis eine notwendige Konsequenz einer kohärenten christlichen Theologie ist.
  5. Ökumenische Diskussionen: Die Apokatastasis hat auch in ökumenischen Dialogen zwischen verschiedenen christlichen Traditionen Beachtung gefunden. Besonders in den Gesprächen zwischen orthodoxen, katholischen und protestantischen Theologen wird die Frage der universalen Erlösung oft thematisiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Apokatastasis-Lehre von Origenes in der modernen Theologie eine bedeutende Rolle spielt. Während sie historisch verurteilt wurde, hat sie in den letzten Jahrzehnten eine Wiederbelebung erlebt, die zu einer breiteren Diskussion über die Natur der Erlösung und die letztendliche Bestimmung der Menschheit geführt hat. Diese Diskussionen spiegeln ein wachsendes Interesse an einem integrativen und hoffnungsvollen Verständnis des christlichen Heils wider.

 

Schlussbemerkung:

Ich hoffe also auf die Vergebung beim Weltgericht.

Ich könnte so viel ruhiger in mein Sterben und meinen Tod gehen.

Ich weiß allerdings nicht, ob ich mit meiner Hoffnung und Vorstellung nicht zu weit gegangen bin.

Diese Vorstellungen, glaube ich, entsprechen der Möglichkeit, dass es beim Endgericht nur Vergebung geben könnte.

Durch die Anfrage bei KI habe ich gesehen, dass die Fragen der Apokatastase durchaus wieder Aktualität haben.

 

 

Walter Kapral, 25. Juli 2024