Inhalt
- Definition-Versuch des Meinungs-Begriffes
- Wahrheitsbegriff und Zirkelschluss
- Eigenschaften der Meinung
- Etwas über die Berechnung der Wahrscheinlichkeit
- Zweck der Meinungsbildung
- Wie arbeitet die Meinungsbildung
- Bildung einer persönlichen Meinung
- Persönliche Meinung und Meinungsbefragung
- Qualität der Meinungsbildung
- Gefahr der Meinungsbildung
- Beispiel für zwei aufeinandertreffende gegenteiliger Meinungen
- Schlussbemerkung
Ad 1) Definition-Versuch
Wenn ich etwas über die Bildung einer Meinung sagen möchte, sollte ich zuerst sagen, was Meinung nach meiner Meinung ist.
Selbstverständlich weiß ich sofort, was Meinung bedeutet. Das Problem ist die Definition.
Meinung ist der Glaube des Subjekts, dass das, was es über einen bestimmten Sachverhalt denkt, der Wahrheit entspricht.
Ad 2) Wahrheits-Begriff und Zirkelschluss
„Veritas est Adaequatio rei et Intellectus“ ist eine Definition der Wahrheit von Thomas von Aquin und Boethius und bedeutet so viel, wie „Wahrheit ist die Übereinstimmung von Wirklichkeit und Verstand“.
Das ist genau so richtig wie inpraktikabel. Auch Pilatus hat gefragt, was Wahrheit sei.
Mit der oben gegebenen Wahrheits-Definition lässt sich nicht beweisen, dass sie in einem speziellen Fall auch zutrifft. Es lässt sich nur sagen, ob sie wahrscheinlich zutrifft oder eben nicht. Dem Begriff Wahrheit ist nur mit dem Glauben näherzutreten.
So kommt ein Zirkelschluss zustande: Wir glauben, dass unsere subjektive Meinung der Wahrheit am nächsten kommt; das heißt, wir halten unsere Meinung für die wahrscheinlich richtige. Richtig oder wahr wäre unsere subjektive Meinung dann, wenn sie der Realität entspricht. Und hier sind wir wieder bei der Wahrheits-Definition.
Ad 3) Eigenschaften der Meinung
Ich sage nicht, was Meinung ist, sondern nur, wie sie ist,
- hoffentlich richtig,
- subjektiv,
- nicht objektivierbar,
- möglicherweise fasch,
- nicht beweisbar
Ad 4) Etwas über die Berechnung der Wahrscheinlichkeit
Gibt es nun doch eine Möglichkeit, über den Wahrheitsgehalt der Meinung genaueres auszusagen? Für die Einzelmeinung: Nein, für eine größere Anzahl von Einzelmeinungen: Ja.
Durch die Wahrscheinlichkeitsrechnung
Die Realisationschance eines Zufallsereignisses ist gleich die Ereigniszahl als negative Potenz über dem Repertoire des Zufalls (Rupert Riedl Strategie der Genesis, Seiten 51 ff – 102).
Das bedeutet beispielsweise, dass die Wahrscheinlichkeit eines Zufallsereignisses (Ereigniszahl) beim Münz-Wurf mit einem Repertoire von zwei und der Ereigniszahl zehn bereits 1/1024 beträgt und somit praktisch das Vorliegen eines Zufalls ausschließt.
Für das einzelne spezielle Zufallsereignis lässt sich rechnerisch (Wahrscheinlichkeits-Rechnung) nur sagen, dass es entweder eintritt oder nicht, wohl aber lässt sich mit der Wahrscheinlichkeits-Rechnung aus einer größeren Anzahl (Menge) von speziellen Zufallsereignissen sagen, wie viele davon eintreten werden und wie viele davon nicht, also über den Grad der Wahrscheinlichkeit.
Ad 5) Zweck der Meinungsbildung
Wenn die persönliche Meinung so viele negative Attribute besitzt, ergibt sich natürlich die Frage: Wozu bilde ich eine eigene Meinung, die ich sogar für wichtig halte. Sie ist die einzige Möglichkeit, um mich in meinem Leben, in der Realität zurechtzufinden.
Ad 6) Wie arbeitet die Meinungsbildung
Bei der Meinungsbildung arbeitet man mit Wahrscheinlichkeiten, die man gegeneinander verrechnet.
Mit dieser Arbeit wäre unser Verstand restlos überfordert. Zu Recht wird von der Wissenschaft die Existenz eines unseren Verstand maßgeblich unterstützenden, unter- oder unbewusst arbeitenden Verrechnungs-Apparates postuliert.
- Der sogenannte Ratiomorphe Apparat (RA) verrechnet die anfallende Zahl von möglichen Zufalls-Ereignissen mit unserer Erfahrung.
- Die Funktion des Lebendigen baut auf diesem Ratiomorphen Apparat
- Dieser Apparat informiert uns über das wahrscheinlich Wahre und stellt sein „Vorwissen“ dem Bewusstsein zu Verfügung. Das ist wichtig, weil mit der Beurteilung der Möglichkeiten der das Lebendige treffenden Zufallsereignisse unsere Orientierung in der Welt eng zusammenhängt.
- Die Funktion des ratiomorphen Apparates beruht auf der Verwendung folgender Hypothesen (Riedl, Strategie, Seite 55 bis 59):
- Wahrscheinlichkeits-Hypothese
- Vergleichs-Hypothese
- Identitäts-Hypothese
- Koinzidenz-Hypothese
- Erfahrung
Ad 7) Bildung einer persönlichen Meinung
Die Bildung einer persönlichen Meinung ist ein sehr komplexer Vorgang.
Da ist zunächst:
- das Verständnis für die gegenständlichen Meinungsfrage
- die Sammlung der dafür wichtigen Informationen
- die Beurteilung der den Informationen zugrundeliegenden Argumente
- die Beurteilung dieser Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt
- die Beurteilung ihrer Aussagekraft als wichtig bis unwichtig
- die Abwägung der einzelnen Informationen gegeneinander
Dann der Ratiomorphe Apparat
- Was sagt mein Gefühl für das Richtige
- Wie maßgeblich darf das Gefühl in die Entscheidung einfließen
Unter Beachtung all dieser Gesichtspunkte bildet sich dann eine Meinung
Ad 8) Persönliche Meinung und Meinungsbefragung
Die Meinungsbildung ist in unserem Verstand wohl dauernd aktiv. Wir beurteilen das Wetter, unsere Stimmung, ob jemand sympathisch oder unsympathisch ist, ob wir Anlass zu Freude haben, ob etwas gut oder schlecht, günstig oder ungünstig ist.
Diese Art Meinungsbildung ist nur wichtig für unser eigenes Handeln.
Anders ist es mit unserer Meinung, wenn sie die Grundlage für wichtige oder wesentliche Entscheidungen bildet, beispielsweise Berufswahl, Partnerwahl oder Entscheidungen im öffentlichen Leben unserer Demokratie betreffen, zu denen wir befragt werden.
Das Recht auf eine solche Befragung, die freie Äußerung unserer Meinung in einer Demokratie erscheint uns nahezu als selbstverständlich, sollte es aber nicht sein. Es sollte als ein sehr hohes Gut angesehen werden, dessen Besitz nicht selbstverständlich ist, sondern in anderen Staaten oft mit großen Opfern erkämpft wird.
Mit der Wichtigkeit unserer Meinung verlassen wir uns zunehmen auf unseren Verstand und drängen den Ratiomorphen Apparat zurück.
Die Schwierigkeiten bei der Meinungsbildung vorwiegend mit unserem Verstand sind unter anderen folgende:
- Bei der Meinungsbildung kommt es auf die Gewissenhaftigkeit an, mit der dieselbe vorgenommen wird.
- Es fehlt dem Einzelnen sicher an Zeit, sich bei jeder Frage, die an ihn gerichtet wird, gewissenhaft eine Meinung zu bilden.
- Die Gewissenhaftigkeit ist bei der Meinungsbildung eine anstrengende Angelegenheit.
- Die Grundlagen müssen auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen.
- Sie müssen logisch zusammengeführt werden
- Dann erst kann die Meinung beurteilt werden
- Dabei wird die Logik alleine nicht genügen
- Es muss mit Wahrscheinlichkeit gearbeitet werden
- Dazu bedarf es auch der Hermeneutik, um anhand mehrerer ähnlicher, bereits gelöster Fragen die gegenständliche Fragestellung zu beurteilen.
In vielen Fällen wird trotzdem kein schlüssiges Ergebnis zustande kommen.
Dann wird man den bequemeren Weg wählen und sich der Meinung eines anderen anschließen, die plausibel erscheint.
Dabei ergeben sich folgende Schwierigkeiten
- Man ist auf die Glaubwürdigkeit des anderen angewiesen.
- Es muss diese Glaubwürdigkeit überprüft werden.
- Es muss bedacht werden, welche Folgen die übernommene Meinung haben könnte.
Wenn beispielsweise die übernommene Meinung die Demokratie gefährden könnte, so ist diese trotz zunächst scheinbarer Plausibilität abzulehnen.
Die Glaubwürdigkeit des anderen hängt mit seiner Integrität zusammen. Wenn sich für ihn Vorteile oder Nutzen durch seine Meinung ergeben, ist höchste Vorsicht geboten.
Es bedarf also auch bei Übernahme einer Meinung großer Gewissenhaftigkeit. Diese darf nicht durch eine größere Anzahl Gleichgesinnter eingeschläfert werden.
Ad 9) Qualität der Meinungsbildung
Kann die Meinung dem Wert nach beurteilt werden, oder ist jede Meinung an sich wertfrei?
Mit anderen Worten: Gibt es eine gute und eine schlechte Meinung?
Dazu Folgendes:
- An sich, das heißt, solange sie folgen- und wirkungslos oder indifferent bleibt, ist sie wertfrei. Wenn sie jedoch Wirkung oder Folge entwickelt, verliert sie die Wertfreiheit und wird in ihrer Konsequenz auf Gesellschaft und Mitmenschen gut, indifferent oder schlecht.
- Ich kann hier keine philosophische Definition anbieten, sondern nur eine aus der Religion, vor allem aus dem Christentum.
- Gut ist die Meinungsbildung, wenn sie der Nächstenliebe und dem Gewissen entspricht. Wenn sie diesen beiden Kriterien zuwiderläuft, ist sie schlecht. Insbesondere betrifft das die Meinungsbildung mit mangender Gewissenhaftigkeit.
Ad 10) Gefahren der Meinungsbildung
Eine schlechte Meinung kann zur Gefahr werden.
Wenn man seine (schlechte) Meinung für absolut richtig hält und die Möglichkeit des Irrtums verwirft, kann sie Folgen haben, die sich stufenweise verstärken.
Die gebildete Meinung kann zu einer Überzeugung werden.
Die Stufe der Überzeugung kann sich weiter steigern: Man denkt, dass man die Überzeugungs-Meinung verwirklichen könne, dass man das sollte, dass man zur Umsetzung dieser Meinung verpflichtet sei, dass man das tun muss.
Von hier ist es nur mehr ein kleiner Schritt zur Verwirklichung, zur Tat. Wenn diese Meinung einen Schaden anderer, vielleicht sogar ein Verbrechen zum Inhalt hat, dann besteht höchste Gefahr.
Fjodor Dostojewski hat in seinem berühmten Roman „Schuld und Sühne“ einen solche Menschen nach seiner Tat, die er für gerechtfertigt hielt, ein Mord aus Überzeugung, beschrieben. Thomas Mann hält dieses Buch für eine der besten Kriminalromane, die je geschrieben wurden.
Es ist der Typ des Raskolnikow, den Dostojewski beschrieben hat. Es ist der Typ des Überzeugungtäters. Raskolnikow hat seine Überzeugung, dass ein Verbrechen notwendig werden könnte in einer wissenschaftlichen Arbeit veröffentlicht und für das absolut Richtige gehalten. Er hat die Möglichkeit, dass er irren könnte, nicht mehr in Betracht gezogen.Solche Überzeugu
ngstäter sind gar nicht so selten: Der Eroberer, der Kriegsherr, der Despot im Großen (Staat) und im Kleinen (Familie), der Terrorist, der Mörder, der Vergewaltiger, sogar der Selbst-Mörder.
Der Überzeugungstäter findet in seinem Tun Selbstbestätigung, vielleicht sogar Lust.
Seine Fehlentwicklung ist durch einen Realität-Verlust mit Selbstüberschätzung ermöglicht worden.
Es gibt auch die andere Möglichkeit einer Fehlentwicklung zum Positiven.
Eine gute Meinung kann Positives bewirken:
Wer seine Meinung zwar für wichtig und nützlich, aber nicht für die einzig richtige hält, der kann durch seine Bemühungen zu einem sehr wichtigen, nützlichen, geschätzten Mitglied der Gesellschaft werden.
Selbst wenn die Meinung für wahr und die einzig richtige gehalten würde und sogar der innere Zwang zum Helfer, zum Gutmenschen, zum Opferbereiten, zum Leidensbereiten, zum Heiligen entstünde, bewirkt das in der Regel nur Gutes.
Ad 11) Beispiel für zwei aufeinandertreffende gegenteilige Meinungen
Ein praktisches Beispiel von unterschiedlicher Meinungsbildung hat sich erst kürzlich in Österreich ereignet und hat die Bevölkerung in zwei Lager gespalten. Es darf versucht werden, dieses aus dem Blickwinkel des „Nachhineins“ zu analysieren.
Es haben sich zwei in Ihrer Begründung divergierende Meinungs-Richtung entwickelt. Durch Argumente war keine der beiden Parteien zu überzeugen.
- Einerseits wurde mit dem Argument der Wissenschaft gearbeitet und wegen der allgemeinen Gefährdung der Bevölkerung ein Impfgesetz beschlossen.
- Auf der anderen Seite wurde mit der Irrtums-Möglichkeit der Wissenschaft ihre Zuständigkeit als Argument bezweifelt, weil ja mit der Impfung auch eine mögliche Gefährdung bis zur Todesfolge gesetzlich der Bevölkerung zugemutet würde.
Die Situation war durch folgenden Sachverhalt noch verschärft:
Es gibt keinen schlüssigen Beweis gegen die Irrtums-Anfälligkeit der Wissenschaft. Diese besitzt keinen Anspruch als absoluter Grund für ein Gesetz.
Es kann zwar mit eine staken Argument für die Richtigkeit einer Wissenschafts-Aussage argumentiert werden, nämlich dass die Regeln bei der wissenschaftlichen Forschung eingehalten werden.
Man fragt sich, warum kein Wissenschaftler einen Versuch unternimmt, die Wissenschafts-Skepsis der Bevölkerung mit Argumenten zu zerstreuen.
Das peinliche dabei ist, dass es auch keine argumentativ begründbaren Regeln für die Herstellung einer wissenschaftlichen Arbeit gibt, worauf die „Wissenschaft-Anarchisten“ (Paul Feyrabend) hingewiesen haben.
Glücklicherweise hat die vorhandene Vernunft der Österreicher die harten Positionen stillschweigend beseitigen können.
Ad 12) Schlussbemerkung
- Die Meinungsbildung kann nicht nur zur Gefahr werden, sondern kann natürlich auch gut und nützlich sein. Es kommt eben darauf an, was der Mensch aus ihr macht.
- Die Gefahren, Fehler zu begehen, steigen mit der Übernahme einer fremden Meinung.
- Dieser Gefahren sollte sich jeder Teilnehmer einer öffentlichen Befragung bewusst sein und damit auch der Verantwortung, die er übernimmt.
- Auch für extreme Positionen gibt es Ursachen und damit Lösungsmöglichkeiten, wenn man sich darum ehrlich bemüht.
- Das Bedenken des Mechanismus einer Meinungsbildung möge dazu führen, ihre Qualität zu verbessern.
Walter Kapral, 15.Oktober 2023
