Grund, Urgrund und Ursache

Vorbemerkung

Ein Grund ist eine logisch-kausale Erklärung, warum etwas existiert. Gründe sind Ursachen für das Seiende.

Wir können sicher sein, dass Seiendes existiert, weil auch wir existieren, wie Descartes begründet hat.

Die Gründe bilden eine Ursachenkette, die eine erste Ursache gehabt haben muss. Diese erste Ursache kann logisch-kausal nicht begründet werden. Sie wird als Urgrund bezeichnet.

Über Gründe habe ich in Wikipedia nachgelesen:

Mit dem Ausdruck Grund (griech. arché, aitía, lat. principium, engl. reason) wird im allgemeinsten Wortsinn alles bezeichnet, womit man auf die Frage „Warum?“, „Woher?“, „Woraus?“ antwortet. Gemeint ist damit ein sachlich oder zeitlich Früheres, durch welches ein daraus oder danach Folgendes bestimmt wird.

Im heutigen Deutsch hat das Wort „Grund“ sowohl die Bedeutung von Begründung als auch die von Fundament und Basis. In verschiedenen Sprachen dient dasselbe Wort dazu, sowohl die Vernunft als auch den Grund zu bezeichnen (griechisch „logos“, lateinisch „ratio“ und die davon abgeleiteten Ausdrücke in den romanischen Sprachen und im Englischen).

Im philosophischen Sprachgebrauch wird der Ausdruck „Grund“ vieldeutig gebraucht und ist nur schwer von den benachbarten Ausdrücken „Ursache“ und „Prinzip“ abzugrenzen.

https://de.wikipedia.org>wiki>grund_(Philosophie)

(Häufig wird in der Tradition zwischen Realgründen und Erkenntnisgründen unterschieden. Im heutigen Sprachgebrauch spricht man von Ursache, wenn der Sachgrund von dem, was durch ihn begründet wird, verschieden ist, während mit Grund im engeren Sinne heute meist der Erkenntnisgrund bezeichnet wird.)

Das Problem des Grundes kann nach verschiedenen methodologischen Gesichtspunkten erörtert werden. Wesentlich sind hierbei vor allem eine ontologische und eine epistemologische Betrachtungsweise.)

Gedanken zu Grund, Urgrund und Ursache

  • Auf die Frage nach Gründen und Ursachen für gegenwärtiges Seiendes gibt es zunächst kausal schlüssige, und daher begründete Antworten.
  • Die Gründe für gegenwärtig Seiendes fußen logisch auf Gründen für vorhergegangenes Seiende.
  • Diese Gründe bilden eine Kausal-Kette.
  • Kausalketten benötigen für die Weiterentwicklung des durch sie begründeten Seienden Impulse.
  • So sind beispielsweise für die Weiterentwicklung des Genoms (Genetik) Impulse für eine Änderung im Genom notwendig.
  • Diese Impulse ereignen sich oft ohne erkennbare Ursache, das heißt zufällig.
  • Das bedeutet, dass die Kausalkette zur Weiterentwicklung des Genoms (im Sinn der Genetik) oft des nicht begründbaren Zufalls bedarf.

Bemerkung:
Durch die Forschungen auf dem Gebiet des Epigenoms können so manche Ursachen für bis vor kurzen als zufällig angesehene Änderungen in der Entwicklungs-Theorie erklärt werden. Ein Beispiel wäre die rasant verlaufende Vergrößerung des Gehirns bei unseren Vorfahren. Das Moleküle NOTCH2NL im Genom soll dafür verantwortlich sein (Mehr darüber finden sie in ChatGPT auf die Frage: „Erklärung des Begriffes NOTCH2NL“)

  • Wenn man die Kausalkette dieser Begründungen rückschreitet, stößt man auf den Beginn derselben.
  • Für die Frage nach dem Grund dieses Beginns gibt es keine kausal-schlüssige Begründung. Es ist dies die Frage nach dem „Ur-Grund“.

Bemerkung:
Die Frage: Warum gibt es etwas und nicht „nichts“ ist unsinnig, weil es „nichts“ nicht geben kann.

  • Bei der Frage nach dem Urgrund ist unser Verstand heillos überfordert.
  • Als Antworten haben wir nur Inhalte von Glauben bzw. Meinungen unserer Vernunft.
  • Hier spielt auch der Widerstreit zwischen Existenz und Essenz eine Rolle:

Die Existenz wurde mit der Vergänglichkeit, mit dem Zufälligen gleichgesetzt, während die „Essenz“ als ewig gültiges Prinzip fungierte. Sartre lehnte diese Hierarchie ab. Sein Credo lautete: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“ Der Mensch muss ohne Auffangnetz der „Essenz“ sein Leben gestalten. 22.09.2020
https://science.orf.at  (Der Mensch ist das, wozu er sich macht)

Bemerkung:
Aristoteles hat „Ursachen“ genannt, die beim Werden (Hervorbringen) eines Gegenstandes (Seienden) zusammentreffen:

  1. causa materialis, das Material;
  2. causa efficiens, der Arbeiter oder Handwerker, der auf dieses Material einwirkt;
  3. causa formalis, die Form, die der Gegenstand erhält;
  4. causa finalis, der Verwendungszweck, für den das Artefakt vorgesehen ist.

Auch seine Ursachen sind der Endpunkt einer kausalen Ursachenkette, die bei einem a-kausalen Urgrund beginnt, nämlich mit der freien Entscheidung eines Menschen für die causa finalis, des Zwecks des Gegenstandes als Motiv für seine Herstellung.

  • Bezüglich des Urgrundes können wir nur eine Meinung, aber keine schlüssige Antwort mit Hilfe unserer Vernunft bilden.
  • Der Urgrund für den Beginn der Kausalkette kann im freien Wollen eines personalen Gottes liegen.
  • Er kann auch in einem a-personalen „Gottes“- Teilchen liegen, das zufällig seine Energie freigibt.
  • Die Entscheidung, ob der Urgrund des Seins ein personaler Gott oder der Zufall ist, beeinflusst unser Leben bezüglich aller weiteren Meinungen und Entscheidungen und unseres Wollens.
  • Wir werden uns bei der Grundhaltung unseres Lebens entscheiden müssen, welchen Rang wir unseren Mitmenschen einräumen. Ob wir unsere eigenen Belange oder aber unsere Verantwortung für die Natur, unsere Erde und unsere Mitmenschen in den Vordergrund stellen.
  • Der Glaube an einen Gott wird es uns leichter machen, uns für Verantwortung zu entscheiden.
  • Bei einem Weltbild ohne Gott ist die Versuchung, unsere Belange in den Vordergrund zu stellen und unser Leben mit allen Mitteln zu genießen, sicher größer.

Diskussion

Der Wille, dem Mitmenschen zu helfen und Verantwortung für die Welt und zukünftige Generationen zu übernehmen, ist durchaus nicht selbstverständlich. Es kann angesichts eines zufällig entstandenen und ebenso zu Ende gehenden, einmaligen Lebens auch als vernünftig gelten, das Bestmögliche für einen selbst mit allen Mitteln zu erlangen.

Ohne Verantwortung, ohne eine eigene, sondern nur mit anderen konform gehende Meinung zu haben, als einziges Ziel Wohlergehen, Geld, Reichtum, Ansehen und Macht, die reine Lust zu genießen (Frankl), mag sogar erstrebenswert erscheinen.

Das war es dann aber schon. Dieses Leben endet so sinnlos, wie es begonnen hat. Dieses Leben hat zwar eine Ursache, aber keinen Grund.

Für gutes Tun Zufriedenheit und inneres Glück zu erleben, sich sagen zu können, dass mein Tun, ja meine ganze Existenz auch für die Mitmenschen gut und wichtig waren und dass ich so bis in die entfernteste Zukunft den Gang des Seins zum Guten sinnvoll mitgestaltet habe, gibt unserem Leben Freude und Glück. (Frankl)

Darauf allerdings muss man angesichts des Verlangens nach Lustgewinn verzichten.

Schlussbetrachtung

Ich habe versucht, anhand der Begriffe Grund, Urgrund und Ursachenkette auf die Wichtigkeit der Grundsatzentscheidung über Sinn und Zweck unseres Lebens hinzuweisen. Diese Entscheidung ist schwierig zu treffen, weil ihr als Grundlage nur unsere Meinung zur Verfügung steht. Diese kann sich im Laufe unseres Lebens auf Grund unserer weiteren Erfahrungen ändern. Die Grundsatzentscheidung über Sinn und Zweck unseres Daseins müssen wir während unseres ganzen Lebens immer wieder überprüfen und neu treffen.

Es muss daher unser Weltbild über Wert, Sinn und Zweck alles Seienden und unserer eigenen Existenz immer wieder hinterfragt werden. Wir müssen entscheiden, ob wir den Gottesbegriff für die Erklärung des Seienden benötigen oder ob der Zufall genügt.

Die bedeutendsten Philosophen haben über unsere Existenz nachgedacht.

Heidegger hat unsere Existenz als ein Sein zum Tode, Hannah Arendt hingegen Existenz als dauernden Neubeginn gesehen.

Sartre hat das Existierende auf die Reihe der Erscheinungen, die es manifestiert, reduziert. Andererseits gilt aber auch, dass alles Sein eine eigene Realität besitzt, die von unserem Erkennen verschieden ist. Unser Bewusstsein von Dingen in der Welt kann nicht ohne diese Dinge existieren, denn sonst wäre es ein Bewusstsein von nichts und dies wäre letztendlich kein Bewusstsein. Er stellt die Existenz der sich erst aus ihr entwickelnden Essenz voran. (https://science.orf.at)

Ich bin der Meinung, dass das Seiende für sein Sein der Essenz eines personalen Gottes bedarf.

 

Walter Kapral, 10. Juni 2024