Einleitung
Zu diesem Thema gibt es, wenn man auf das Leid, auf Not und Tod, auf Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit in der Welt blickt, ernste Fragen, die vom Sinn des Seins bis zur Existenz eines Gottes, der All-Macht und All-Güte in sich vereinigt, reichen. Diese Fragen sind besonders seit der Shoah und den Weltkriegen, die ein Gott, der all-gütig sein soll, mit seiner All-Macht nicht verhindert hat, besonders brennend.
Hans Jonas hat in seinem Buch „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“, dieses Thema aus theologisch-philosophischer Sicht behandelt. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass von den Eigenschaften Gottes, Verstehbarkeit, All-Macht und All-Güte, zwei jeweils das dritte ausschließen. Er vertritt die Meinung, dass Gott nicht helfen wollte, sondern nicht konnte.
Gott vollständig verstehen zu wollen, ist zweifellos ein für den menschlichen Verstand ein aussichtslose Unterfangen.
Meine Frau hat im zweiten Vers eines Gedichtes über die Hand Gottes geschrieben:
„Niemals wird es möglich sein,
Dass wir Menschen schwach und klein
Dich erfassen mit Verstand,
doch wir sind in Deiner Hand.“
Es seien daher zuerst noch einige Bemerkungen über unser „Verstehen“ erlaubt
Im Verständnis des Menschen gibt es viele Dinge, von denen wir nicht sagen können, was sie sind, wohl aber wie sie sind. Wir haben eine Vorstellung, wovon wir sprechen, ohne diese Vorstellung definieren zu können. Wir wissen aber trotzdem, worüber wir sprechen. Als Beispiel sei die Zeit (siehe Augustinus Bekenntnisse 11) oder die Liebe (Paulus 1 Kor 13, 1-13) genannt. Paulus beschreibt einmalig schön, wie die Liebe ist, er sagt aber nicht, was sie ist.
Wenn ich also von meinen Gedanken über Gott spreche, geschieht das nur mit den Mitteln meiner menschlichen Vorstellung von Gott:
- Gott hat die Welt erschaffen, wohl nicht so, dass er jede Kleinigkeit sofort selbst geformt hätte, sondern er hat einer unvorstellbaren großen Menge an Energie (Photonen) den Impuls gegeben, sich zu Materie und Natur zu entwickeln. In dieser Entwicklung ist ein aus Materie bestehendes Wesen, ausgestattet mit Verstand und Vernunft, entstanden, der Mensch.
- Die Natur ist eine Entität, die in dem genannten Wesen Staunen und Bewunderung erregt, aber auch den Wunsch, dieses Staunen in Wissen zu wandeln. Das Wissen über die Natur ist zu einer großen Vollkommenheit gediehen, betrifft aber vorwiegend das „Wie“ und ist bis heute nicht besonders tief in das „Was“ und „Warum“ vorgedrungen.
- Es ist eine Aufgabe der Vernunft, trotzdem nach dem „Warum, Wozu und Was“ zu suchen.
- Eine Suche nach Gott kann aber auch als erfolglos abgebrochen werden, wenn man sich mit dem Zufall als Erklärung für das Sein begnügt.
- Oder man kann die Vermutung hegen, dass alles Sein auf den Grund des Ursprunges, den wir Gott nennen, gerichtet ist. Es könnte sein, dass Gott die Liebe ist (1 Joh 4,7-11) und ein Liebesverhältnis zu den oben genannten Vernunft- und Verstandeswesen zum Ziel hat.
- Dann wäre das bisher Entstandene gewissermaßen unvollendeter Unterbau dessen, was in und durch die Liebe entstehen soll.
Zunächst zu Hans Jonas:
- Hans Jonas reflektiert in seinem Buch „Gottesbegriff nach Auschwitz“ einen Mythos, dass Gott durch den Schöpfungsakt sich seiner Gottheit entkleidet hat, um sie zurückzugewinnen im Laufe der Entwicklung seiner Schöpfung (siehe Jonas Gottesbegriff nach Auschwitz Seite 17). Mit dem Leben kam auch die Möglichkeit des Sterbens und das Wissen um Gut und Böse, um Verantwortung und Freiheit in die Welt. Dabei sei Gott ein leidender und sich sorgender Gott gewesen.
- Dieser Mythos wird dann entsprechend der jüdischen Theologie weitergeführt und ausgelegt. „Nur von einem gänzlich unverstehbaren Gott kann gesagt werden, dass er zugleich absolut gut und absolut allmächtig ist und doch die Welt duldet, wie sie ist“. (Jonas, Der Gottesbegriff nach Auschwitz, Seite 37)
- Unter den drei Gottes-Attributen Güte, Macht und Verstehbarkeit schließen je zwei davon das dritte aus (Jonas, Gottesbegriff nach Auschwitz, Seite 37).
- Eine gewisse Gottes-Verstehbarkeit durch den Menschen wird gefordert, da ein gänzlich nicht verstehbarer Gott (Deus absconditus) ein unannehmbarer Begriff) ist. (Jonas; Seite 39).
- Daraus folgt, dass Gottes Gut-Sein sich mit der Existenz des Übels nur vereinbaren lässt, wenn er nicht allmächtig ist (Jonas, Seite 39).
- Zu Auschwitz habe Gott geschwiegen, nicht weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte. (Jonas, Der Gottesbegriff nach Auschwitz Seite 41).
So radikal ist meine Vorstellung nicht.
Ab nun bediene ich mich einer Ausdrucksweise, die dem beschränkten menschlichen Verstand erlaubt sei.
Die gedanklichen Voraussetzungen für meine Ausführungen sind:
- Die wahre Liebe erfordert, dass der Liebende in voller Freiheit handelt.
- Die unbeschränkte Allmacht Gottes würde eine volle Freiheit in seiner Schöpfung unmöglich machen.
- Um dem Menschen als Antwort auf die Liebe Gottes, also vom Menschen in Freiheit gewollte Gegenliebe zu ermöglichen, musste Gott seine Allmacht begrenzen.
- Das bedeutet aber nicht, dass Gott auf seine Allmacht gänzlich verzichtet, wie dies Jonas meint (siehe Jonas, Der Gottesbegriff nach Auschwitz, Seite 17).
- Ich spreche von einer partiellen und zeitlich begrenzten Rücknahme der Allmacht.
Die begrenzte Rücknahme der Allmacht Gottes zu Gunsten der für die menschliche Gegenliebe erforderlichen Freiheit ist, meiner Meinung nach, eine Bedingung für den christlichen Glauben.
Für das menschliche Verstehen hätte Gott allerdings mit der Rücknahme seiner Allmacht ein Dilemma, das darin besteht, dass Gott dem Menschen oder auch der ganzen Schöpfung die Möglichkeit einräumt, gegen seine Absicht und seinen Willen zu handeln. Seine Liebe ist damit die ermöglichende Ursache für das Böse.
Die partielle Rücknahme seines Willens bedeutet auch nicht, dass Beten zu Gott sinnlos wäre. Zweifellos behält er die Möglichkeit, in das Weltgeschehen einzugreifen. Er scheint aber auf wesentliche Änderungen des Weltgeschehens zu verzichte.
Meine Beweisführung hat also eine Schwachstelle: Ich kann keine überzeugende Erklärung finden, warum Gott gerade bei schrecklichen Ereignissen seine Allmacht zurückhält.
Der Vorwurf, dass Gott in seinem Wesen entweder nur gut oder nur allmächtig sein kann, stimmt in seiner absoluten Aussage nicht. Es ist die Dynamik des Weltgeschehens zu beachten und die Absolutheit der Aussage über Wille und Macht Gottes zu hinterfragen.
In diesem Zusammenhang erscheinen mir folgende Gedanken wichtig:
- Die Schöpfung, die Natur, das Seiende setzt uns in Erstaunen, ja wir können uns darüber sogar freuen (Deutsche Messe, Gloria, Schubert). Wir können Gott Ehre und Dank sagen, seine Stärke loben und preisen (Kirchenlied „Großer Gott wir loben dich“).
- Das wirklich Großartige der Schöpfung liegt noch vor uns. Die Gottes-Liebe rangiert nach meiner Meinung hinsichtlich ihrer Bedeutung an erster Stelle des Seins-Geschehens (1 Kor 13,1-13), die Schöpfung als Unterbau an zweiter Stelle.
- Die Schöpfung nehme ich bewundernd zur Kenntnis, die Gottesliebe lässt mich in die Knie sinken.
Schlussbemerkungen:
- Die dargelegten Gedanken, dass Gott teilweise seine Allmacht zu Gunsten der Gottes-Liebe des Menschen in Freiheit seines Willens und Wollens zurückgenommen hat, eröffnen die Möglichkeit, mit dem menschlichen Verstand die Vereinbarkeit der Gottes-Attribute Liebe, Güte und Allmacht trotz des oft schrecklichen Weltgeschehens sinnvoll und logisch denken und erklären zu können.
- Wenn es aber dem menschlichen Verstand gelingt, eine Möglichkeit der Vereinbarkeit der Gottesattribute zu denken, lässt sich sagen, dass Gott (unter der Glaubens-Voraussetzung seiner Existenz) unendlich viele Möglichkeiten hat, diese Vereinbarkeit zu realisieren.
- Die Meinung, dass es unmöglich sei, mit dem menschliche Verstand Allmacht, Liebe und Güte angesichts des Weltgeschehens (Shoa, Krieg) in Gott vereint zu denken, ist kein Argument mehr gegen die Existenz Gottes.
- Ich beanspruche nicht, dass das, was ich ausgeführt habe, so ist, wohl aber die Möglichkeit, dass es so sein könnte.
- Die Begründung für meinen Anspruch ergibt sich aus
• der Anerkennung des Axioms, dass Gott existiert und
• aus der Voraussetzung, dass meine Ausführungen konsistent und kohärent sind.
Trotz der einen Schwachstelle hoffe ich, mit meinen Ausführungen einen Anstoß zu neuen Gedanken und Diskussionen über Gott, seine Allmacht und Güte gegeben zu haben.
Walter Kapral, im August 2023
