Über die Gerechtigkeit unter den ersten Menschen berichtet die Bibel in Genesis 4,23-24.
Es ist die Rede vom Rechtsempfinden Lamechs. Lamech war in sechster Generation Nachkomme des Kain (Bruder-Mörder).
Der Text lautet: “Lamech sagte zu seinen Frauen: Ada und Zilla hört auf meine Stimme, ihr Frauen Lamechs, lauscht meiner Rede! Ja, einen Mann erschlage ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, so Lamech siebenundsiebzigfach.“
Hier ist von Rache die Rede, zu der Lamech sich berechtigt glaubt.
Auch im Amerikanischen Recht wird der Rache breiter Raum gegeben, wenn zum Beispiel die Angehörigen eines Ermordeten bei der Hinrichtung des Mörders anwesend sein dürfen.
Eine Besserung brachte die auf seiner Stele festgehaltene Rechtspraxis des Hammurapi insofern, als Delikt und Rache auf eine Waage gelegt ein Gleichgewicht ergeben müssen.
Hammurapi war (gemäß mittlerer Chronologie) von 1792 bis zu seinem Tode 1750 v. Chr. der 6. König der ersten Dynastie von Babylonien und trug den Titel König von Sumer und Akkad. Berühmt geworden ist Hammurapi jedoch durch die älteste vollständig erhaltene Rechtssammlung, den Codex Hammurapi. Dieser umfasste einen Prolog, die 282 Gesetzesparagraphen und den Epilog. Aufgezeichnet wurde er unter anderem auf einer ca. 2,25 m hohen Stele (ein freistehender Pfeiler) aus Diorit. Hammurabis Gesetze regelten Verleumdung, Handel, Sklaverei, Diebstahl, Familienrecht, Sexualverhalten, Erbschaft und die Pflichten von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Die Strafen für Gesetzesübertretungen waren extrem hart, nicht weniger als 32 Verbrechen wurden mit der Todesstrafe bestraft. (Wikipedia https//de.wikipedia.org>wiki> Hammurapi I)
Auch in der Bibel ist ähnliches zu lesen: (Ex 21,23–25): „[…] so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“
Damit wurde die Rechtsmeinung eines Lamech aufgehoben zu Gunsten eines gleichgewichtigen Ausgleichs durch Vergeltung. Wohin der Gedanke der Vergeltung und der Abschreckung alleine führen, sieht man sehr gut am Beispiel von Israel und Palästina. Das Beispiel des Dirigenten Daniel Barenboim, der ein Orchester aus Israelis und Palästinensern gegründet hat, wird viel zu wenig beachtet. Auf der gemeinsamen Basis von Vertrauen und Kultur erwächst Friede. Oder kann man sich vorstellen, dass ein Mitglied dieses Orchesters ein anderes Mitglied umbringt?
Die Zehn Gebote (Exodus 20, 2-17) verfolgen eine Regelung des Zusammenlebens auf Basis gegenseitiger Achtung und heben sich so vor den eben angeführten Rechtsmeinungen deutlich ab.
Die vergeltende Gerechtigkeit ist auch in die österreichische Rechtsmeinung eingeflossen mit dem Prinzip der Bestrafung des Übeltäters, die vom Grad der Verfehlung abhängig ist, und auch mit dem Gedanken der Abschreckung.
Seit Brodar ist der Gedanke der Besserung des Täters und der Resozialisierung in der Gesetzgebung verankert im Sinne der Verzeihung.
An Verzeihung können verschiedene Bedingungen geknüpft werden:
- Der Täter muss seine Strafe abgesessen haben.
- Er darf nicht rückfällig werden.
- Er muss sich beim Geschädigten entschuldigen.
- Er soll seine Tat bereuen.
- Die Tat muss zwar verziehen werden, aber sie darf nicht vergessen werden.
In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg ist der Gedanke der Unantastbarkeit des Lebens ein weiterer Fortschritt der Rechtsmeinung in unserem und vielen anderen Staaten. Hier ist der Einfluss des Christentums unverkennbar.
Ein anderer Weg ist die Gerechtigkeit Gottes: Die Beseitigung der Schuld durch Vergebung.
Es gibt einen Unterschied zwischen „Verzeihung“ und „Vergebung“.
Eingangs wurden die verschiedenen Möglichkeiten, Gerechtigkeit walten zu lassen, aufgezeigt:
- Übermäßige Vergeltung (Gewalt): Zufügung von mehr als dem Wert nach erlittenen Unrechts an den Täter (Lamech).
- Vergeltung: Persönliche Zufügung eines dem Wert nach gleichen Unrechts an den Täter (Rache).
- Bestrafung: Die Vergeltung wird durch die Allgemeinheit als Bestrafung geregelt (Strafrecht und Strafvollzug).
- Wiedergutmachung: der gerechte Ausgleich wird vom Täter vollzogen.
- Verzeihung: Verzicht auf den gerechten Ausgleich des Unrechts durch den Geschädigten. Oft ist sie geknüpft an die Bedingung der Wiedergutmachung oder an die Bedingung, dass das begangene Unrecht nicht aus der Welt geschafft wird, sondern im Gedächtnis bewahrt wird.Unter Punkt 1 bis 5 sind die Möglichkeiten genannt, die unter dem Begriff menschliche Gerechtigkeit (des gerechten Ausgleichs) zusammengefasst werden können und das Ziel haben, das vor der Unrechtstat bestehende (normale) Un-Gleichgewicht unter den Menschen wieder herzustellen.Bemerkung:
Andere Wege, die Gleichheit unter den Menschen zu erzielen, wären der Versuch, die Anfangsbedingungen des Menschen für seine Entwicklung so gleich zu gestalten, dass auch die spätere Gleichheit gewährleistet sei.Leider ist auch der Versuch, die Menschen durch die Schlagworte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu bessern, trotzt der Begeisterung, die dieser Gedanke anfangs hervorgerufen hat, an seiner Durchführung katastrophal gescheitert. - Die Gerechtigkeit Gottes, die Vergebung:
Über die Gerechtigkeit Gottes schreibt Paulus in Römer 3, 25. „….So erweist Gott seine Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden….“
Die Gottesgerechtigkeit der Vergebung führt allein zu Frieden und Wohlergehen.
Ihr Weg ist allerdings viel schwieriger und erfordert einiges Denken (siehe Buch der Freude, Dalai Lama und Desmond Tutu im Gespräch), während das ausgleichende Gerechtigkeits-Denken weniger anspruchsvoll ist.
Was Vergebung ist, kann man am besten erkennen im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Luc15, 11-32): Der verlorene Sohn hofft auf Verzeihung seiner Sünde durch sein Bekenntnis, dass er vielleicht doch als Taglöhner seines Vaters sein Leben ohne Angst weiter fristen wird dürfen.
Der liebende Vater aber umarmt ihn und setzt ihn bedingungslos wieder als seinen Sohn ein. Das ist Vergebung.
Göttliche Gerechtigkeit, das ist der Neubeginn für den Täter.
Sie ist die Möglichkeit, durch Verdrängung der Unrechts-Tat in die Nicht-Existenz, die Gleichheit unter den Menschen wieder herzustellen.
Diese Vergebung kann jeder Mensch durch die Liebe, Barmherzigkeit und Güte Gottes erlangen, ungeachtet der Schwere, der Gemeinheit, der Widerlichkeit der begangenen Tat. Jeder, dem Vergebung geschenkt wird, kann sich wieder so frei von Schuld sehen wie sein Bruder, seine Schwester, die eine solche Tat nicht begangen haben. Der Unterschied zwischen den Menschen wird ausgeglichen, sie erfahren einen gerechten Ausgleich untereinander.
Die Vergebung wird auch wunderbar verständlich in dem von Kurt Sowinetz gelesenen, im Wiener Dialekt geschriebenen Bericht über Christus und seine Jünger (Da Jesus und seine Haberer). Dort heißt es in einer berührenden Vergebungs-Szene: „Da Jesus schaut eam (den Sünder) long an, dan sogt a: „sogn ma, freind, es woa vix“ (sagen wir, mein Freund, es ist nichts Böses mehr zwischen uns, es hat das nie gegeben).
Mit Vergebung wird das Trennende zwischen den Menschen beseitigt. Jede Forderung, Buße, Bestrafung, sogar die Bewahrung des Geschehenen im Gedenken werden unnötig.
Und das so genannte Jüngste Gericht wird ein Fest der Vergebung sein und nicht eine Verurteilung zum Strafvollzug. Ein wirklicher Neubeginn der Schöpfung.
Eine Bemerkung:
Schon Origines*), der Kirchenlehrer, hat zur Zeit des Übergangs des zweiten zum dritten Jahrhundert auch eine end-zeitliche Vergebung des personifizierten Bösen, des Teufels, erhofft. Dieses an Verstand und Kraft so reichen Wesen verwendet all sein Vermögen dafür, Gott zu beweisen, dass es im Wesen seiner Schöpfung liegt, sich von Gott abzuwenden, weil Böses zwangsläufig Böses erzeugt.
Gott hat dem Bösen im Liebes-Tod seines Sohnes bewiesen, dass Liebe und Gewaltlosigkeit diesen Kreislauf unterbrechen. So wurde aus der Abwendung der Menschheit und der Schöpfung eine Hinwendung zu Gott und eine Rückkehr zu ihrer wahren Bestimmung. Prinzipiell gibt es also keinen Grund, der der Vergebung des Satans im Wege stünde, außer der Sünde gegen den Geist, der Ablehnung der Vergebung durch den, der ihrer bedarf und sie so die verhindert. (Lästerung gegen den Heiligen Geist, siehe Mk 3,29; Mt 12,31–32).
Und noch eine Bemerkung:
In Joh 20.23 heißt es: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“
Nicht von „Verzeihung“ sondern von „Vergebung“ ist die Rede.
Auch in der Interlinear-Übersetzung des Neuen Testaments (Griechisch-Deutsch) wird das griechische Wort „Aphte“ mit „ihr vergebt“ übersetzt.
Die in der katholischen Kirche geübte Beichtpraxis ist aber nicht eine der Vergebung, sondern eine der weltlichen Gerechtigkeit zuzuordnende Verzeihung.
Logischerweise erfordert Verzeihung folgendes Vorgehen:
- Was soll verziehen werden. Es müssen alle Sünden zur Verzeihung genannt werden.
- Es muss bereut werden durch Sprechen eines vorgegebenen Textes (Gott, du hassest die Sünde usw. Ein schrecklicher, an Blasphemie grenzender Text).
- Es müssen die Sünden wieder gut gemacht werden durch Absolvierung einer Bußhandlung (z.B. Gebet).
- Dann erfolgt die Verzeihung (Lossprechung) der Sünden unter der Auflage, dass der Busse voll nachgekommen wird, bei sonstiger Ungültigkeit des Sakraments. Auch das Verschweigen einer Sünde macht das Sakrament ungültig.
- Nicht ausgeschlossen wird, dass noch Sündenstrafen von Gott auferlegt werden.
Durch diesen Verzeihungs-Vorgang erlangt man die Berechtigung, beim Endgericht auf der rechten Seite zu stehen.
Dieses Vorgehen hat mit weltlicher Verzeihung zu tun, aber nicht mit in göttlicher Liebe geschenkter Vergebung Es ist wieder so, als hätte es deine Sünde, Freund, nie gegeben.
Welch ein Unterschied!!
Geliebte Kirche! Denke nach und erfülle deine Aufgebe besser. Deine bisherige Praxis ist schlechthin eine lieblose Zumutung. Wenn du willst, dass sich wieder Menschen voll Vertrauen um Vergebung an den liebenden Gott wenden, dann musst du dein liebloses Vorgehen schleunigst ändern.
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*) Literatur: Aus: Wikipedia: https://de.wikipedia.org>wiki>origines
Origines: Ewige Strafen, wie sie in der später vorherrschenden Vorstellung einer Hölle vorkommen, kannte Origenes nicht. Gestützt auf das Schriftwort aus 1 Kor 15,28: „wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht über alles und in allem“ war er der Überzeugung, dass selbst Dämonen und der Teufel am Ende erlöst werden. Diese als Apokatastasis panton bezeichnete Lehre wurde 553 auf dem fünften ökumenischen Konzil, dem zweiten Konzil von Konstantinopel, verworfen.
Walter Kapral, 30. Juni 2023
