Gedanken zu Verstand und Vernunft

Zwischen Verstand und Vernunft ist seit der Zeit der großen griechischen Philosophen Platon und Aristoteles unterschieden worden:

Der Begriff der Vernunft wird unterschiedlich bestimmt. In seinem Verhältnis zu dem Begriff des Verstandes hat er im Verlauf der Geschichte von der griechischen Philosophie – Nous und Logos gegenüber Episteme und Dianoia – über das Mittelalter – intellectus versus Ratio – bis in die Neuzeit einen Wandel erfahren. In der Neuzeit entwickelte sich, angestoßen von Meister Eckart und Martin Luther, ein Begriffsinhalt, wie er von Immanuel Kant in der Kritik der reinen Vernunft formuliert wurde und der so in der Moderne noch weitgehend üblich ist.

Danach ist die Vernunft das oberste Erkenntnisvermögen. Dieses kontrolliert den Verstand, mit dem die Wahrnehmung strukturiert wird, erkennt dessen Beschränkungen und kann ihm Grenzen setzen. Damit ist die Vernunft das wesentliche Mittel der geistigen Reflexion und das wichtigste Werkzeug der Philosophie. (wikipedia Vernunft)

Arthur Schopenhauer unterscheidet Verstand als die Fähigkeit zum anschaulichen Erkennen und Vernunft als jene zum abstrakten, diskursiven Erkennen. Vernunft betrachtet er als spezifisch menschlich, wogegen Verstand auch (höheren) Tieren zukomme.

Zugunsten von Verstand und Vernunft hat der Mensch die Instinkte, die das Tier auszeichnen, weitgehend eingebüßt. Er hat aber einige Instinkte behalten, die den Weiterbestand der Menschheit garantieren, wie Sexualität, Fürsorge für das Kind nach seiner Geburt und die bekannten Reaktionen auf Gefahr. Der Mensch wird daher oft gegenüber dem Tier als Mängelwesen gesehen.

Als erster hat Herder die Tiere als Instinktwesen und Menschen als Mängelwesen bezeichnet. In der Abhandlung über den Ursprung der Sprache schreibt er 1772: „Dass der Mensch den Tieren an Stärke und Sicherheit des Instinkts weit nachstehe, ja dass er das, was wir bei so vielen Tiergattungen angeborene Kunstfertigkeit nennen, gar nicht habe, ist gesichert“.

Arnold Gehlen hat 1940 in seiner Schrift “Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt“ den Begriff von Herder (Mängelwesen) wieder aufgegriffen und ihn in die „Philosophische Anthropologie“ eingeführt.

Die neuere Verhaltensforschung von Tieren hat gezeigt, dass Tiere nicht nur durch einen Instinkt, sondern auch durch logische Überlegungen (z.B. Werkzeug zum Öffnen einer Frucht) ihr Tun bestimmen. Das bedeutet, dass wir den Tieren auch eine gewisse Menge an Verstand zubilligen müssen.

Der verstandesmäßige Unterschied mancher Tierarten zum Menschen ist nicht ein qualitativer, sondern nur ein quantitativer.

Hingegen unterscheidet sich der Mensch durch seine Vernunft wesentlich vom Tier.

Das, was den Menschen nach Viktor Frankl in einer weiteren, höheren Dimension erscheinen lässt, nennt er den Geist des Menschen. Das entspricht offensichtlich dem Vernunft-Begriff.

Die Vernunft versetzt uns in die Lage, ein Kontrollorgan unseres Verstandes zu besitzen.

Zum Unterschied von Verstand und Vernunft

Der Verstand:

  1. Seine Erkenntnisse sind wertfrei
  2. Er ist für logische Zusammenhänge aus deduktivem und induktivem Denken (wie Mathematik, Forschung), empirische Erkenntnisse und unser Gedächtnis zuständig.
  3. Wünsche und Entschlüsse werden in ihm generiert.
  4. Eine wichtige Funktion ist die Umsetzung von Sollen in die Verwirklichung des Wollens
  5. Er vermittelt uns das Bewusstsein unserer Existenz
  6. Er ist bei seiner Tätigkeit gebunden an die Kausalität
  7. Er ist in seinen Entscheidungen daher nicht frei
  8. Er ist nicht für die Folgen dessen, was er hervorbringt (nicht einmal für die Atombombe), verantwortlich
  9. Er ist mit Willen ausgestattet
  10. Er hat die Fähigkeit, das ihm von der Vernunft übermittelte Sollen zu wollen und zu verwirklichen
  11. Das „Wollen des Verstandes“ ist dem Sollen nicht unterworfen. Er kann ihm zuwider handeln
  12. Der Verstand kann seinen Willen der Vernunft gegenüber durchsetzten
  13. Der Wille des Verstandes ist dabei auf das eigene Wohlergehen und nicht mehr auf das Wohlergehen des Mitmenschen gerichtet
    (Frankl meint, dass dadurch das eigene Glück und die eigene Sinnhaftigkeit verlorengehen und gegen den eigenen Lustgewinn, der nach dem Tod wertlos wird, eingetauscht wird)
  14. Er kann keine Urteile fällen
  15. Seine Aufgabe ist die Unterstützung der Vernunft
  16. Er selbst wird unterstützt durch ihm innewohnende Fähigkeiten:
  • der Logik,
  • der Kausalität
  • des Kategorien-Bewusstsein
    (Für Kant sind Kategorien Grundbegriffe des reinen Verstandes über die wir apriori verfügen)
  • des Gedächtnisses
  • der Empirischen Erkenntnis

Die Vernunft:

  1. Sie ist in ihrem Denken und ihren Entschlüssen (Entscheidungen) an Kausalität nicht gebunden
  2. Sie ist in ihrem Denken und ihren Entschlüssen frei
  3. Sie ist fähig zur Bildung von Urteilen
  4. Im Speziellen ist sie fähig, Werte zu beurteilen, wie
  • gut und böse
  • schön und hässlich
  • wertvoll und wertlos
  • sinnvoll und sinnlos
  • richtig und falsch
  • günstig und ungünstig
  • nützlich und schädlich
  • wichtig und unwichtig etc. und
  • den Wert des im Verstand gebildeten Wissens, Wünschens und Entschließens.
  1. Sie ist fähig zur Meinungsbildung
  2. Sie ist bei der Entscheidung über unser Sollen dem Gewissen verpflichtet und damit zum Wollen des Guten als Zuwendung zum Mitmenschen

Bemerkung: Das Gute kann gleichgesetzt werden mit dem Grad der liebevollen Zuwendung zu unseren Mitmenschen.

Ich erlaube mir, kurz in Erinnerung zu bringen, was Viktor Frankl zur Liebe gesagt hat (Siehe Aufsatz „Liebe“).

Frankl schreibt vom Sinn der Liebe:

Die Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz ist fundiert durch die Einzigartigkeit und Einmaligkeit der Person.
Gemeinschaft verleiht erst der persönlichen Einzigartigkeit und Einmaligkeit Sinn.
Im Besonderen tut das die Zweisamkeit, die innige Gemeinschaft eines Ich mit einem Du.
Liebe ist das Erleben des anderen Menschen in dessen Einzigartigkeit und Einmaligkeit.
Im Geliebt-Werden wird der geliebte Mensch in seinem Da-Sein als einmaliges und einzigartiges Wesen erfasst.
Der Liebende erfährt durch die Liebe eine innere Bereicherung, die über das Du hinausgeht: Für den Liebenden erscheint der ganze Kosmos im strahlenden Glanz seiner Werte

  1. Sie übermittelt das so gewonnene Sollen dem Verstand zur Verwirklichung. Der Verstand ist dem Sollen nicht verpflichtet. Sein Wille kann sich anders entscheiden.
  2. Die Vernunft kann dabei dem Willen des Verstandes unterliegen.
  3. Sie beurteilt den Wert einer Entscheidung
  4. Sie wird unterstützt durch
  • das Gewissen
  • den ratiomorphen Apparat (Wahrscheinlichkeitsbeurteilung, siehe Aufsatz Meinungsbildung)
  • durch den Verstand

Aus dieser Einteilung können verschiedene Konsequenzen gezogen werden:

  • Mit dem Zusammenwirken von Vernunft und Verstand gelangen wir zu unserem Weltbild.
  • Dieses Zusammenwirken ist allerdings so komplex, dass sich die einzelnen Funktionen oder Funktionskreise unseres Denkens nur schwer trennen lassen. So wird oft Verstand und Vernunft bei ihrer praktischen Anwendung gleichgesetzt.
  • Wenn das Sollen nicht den Intentionen des Verstandes entspricht, kann es zum Widerstreit gegenüber der Vernunft kommen.
  • Daraus resultiert ein der Vernunft nicht entsprechendes Ergebnis.
  • Wenn sich das Sollen der Vernunft bei dem Widerstreit durchsetzt, ist ein vernünftiges Ergebnis gesichert.
  • Wenn sich jedoch der Verstand durchsetzt, ist er sogar in der Lage, die Vernunft so zu korrumpieren, dass seine (des Verstandes) Entscheidungen für Entscheidungen von Gewissen und Vernunft gehalten werden können.

Bemerkung: Das führt zu der (meiner Meinung nach) falschen Ansicht, dass das Gewissen irren könne (Siehe Aufsatz „Das Gewissen“)

Beispiele hierfür gibt es genug.

Putin gibt der Macht und der sogenannten Verteidigung Russlands den Vorzug, gegenüber dem vielen Leid, das er damit verursacht.
Hitler hat es sogar für seine geschichtliche Aufgabe angesehen, einen ganzen Zweig der Menschheit systematisch auszurotten. Zu Recht spricht Hannah Arendt hier nicht von einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern gegen die Menschheit.

  • Günther Anders, einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts, hat den Begriff der Antiquiertheit des Menschen eingeführt. Er hat diesen Begriff an dem Beispiel des Qualitativen Unterschiedes von Shoah und Hiroshima erläutert: die systematische Juden-Vernichtung hätte von Menschen noch gestoppt werden können. Die aktivierte Atombombe ist vom Menschen nicht mehr zu stoppen. Die Möglichkeiten des Menschen sind gegenüber dessen Erzeugnissen seines Verstandes zurückgeblieben, also antiquiert. Sein Wissen um die Herstellung dieser Bombe ist nicht mehr zu beseitigen.
  • Die Aktivierung der Atombombe durch einen Menschen, dem die Vernunft abhanden gekommen ist, ist nicht mehr korrigierbar.
  • Die besten Verträge können die Antiquiertheit des Menschen nicht mehr wieder herstellen, sondern nur zu schützen versuchen.
  • Genauso verhält es sich mit der vom Menschen verursachten Erderwärmung. Sein Mangel an Vernunft ist durch bestorganisierte Konferenzen nicht zu beseitigen, ja nicht einmal einzubremsen.
  • In Akut-Entscheidungen ist das Zusammenwirken von Verstand und Vernunft zu unglaublichen Höchstleistungen gefordert. Die einzelnen Interaktionen sind hier kaum zu überblicken. Ich denke zum Beispiel an Situationen mit raschem Handlungsbedarf, wenn Rettungsmittel oder Helfer für die erforderliche Hilfeleistung nicht ausreichen. (Triage, mehrere Ertrinkende, Wasserrettung, Unfälle im Verkehr und im alpinen Bereich).
  • Fehlentscheidungen sind durchaus möglich und treten umso öfter auf, je unvorbereiteter man in eine solche Situation gerät.
  • Kritik sollte vermieden werden.
  • Fehler bei Hilfeleistungen sollten in Ruhe mit Vernunft und Verstand analysiert werden, um im Ernstfall besser vorbereitet zu sein.
  • In der Aufklärung ist es in zunehmendem Maße gelungen, auf empirisch-kausalem, wissenschaftlichem Weg viele Ursachen des Naturgeschehens zu erklären. Diese Erklärungen beziehen sich vorwiegend auf das „Wie“ der Dinge, erklären aber sehr oft nicht das „Was“.
  • Die Überschätzung von Wissenschaft und Fortschritt hat Erwartungen geweckt, die unrealistisch waren und eher einem Wunschdenken als einer vernünftigen Überlegung entsprochen haben.
  • Es hat sich zunächst eine Wissenschaftsgläubigkeit entwickelt, die ein Argument, das sich auf „wissenschaftlich bewiesen“ berufen hat, für unantastbar gehalten hat.
  • Die Enttäuschung darüber hat oft zu unsachlicher Kritik an der Vernunft geführt.
  • Diese Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit hatte konsequenterweise zur Folge, dass man meinte, zur Welterklärung den Gottesbegriff nicht mehr gebrauchen zu müssen
  • Die materialistische Weltanschauung hat zur Folge gehabt, in einen Begründungsnotstand von Ethik und Moral zu geraten
  • Auch die Kirche hat diesen Zusammenhang gesehen. Statt mit Argumenten vorzugehen, hat sie die vermeintliche Ursache dafür, die Aufklärung, als Modernismus bekämpft. Sie hat dabei das unmögliche Mittel, den Modernismus zu verbieten, eigesetzt. Dem starren Dogmatismus der Kirche fehlten vernünftige und verständliche Erklärungen des Glaubens. Das hat die Lehren der Kirche als zweifelhaft erscheinen lassen und den Unglauben gestärkt.
  • Die Suche nach Transzendenz hat viele Menschen veranlasst, sich der Esoterik zuzuwenden.
  • Die Esoterik ist möglicherweise ein gewisser Ersatz für den Glauben.
  • Sodann hat die Überschätzung von Wissenschaft und Forschung in ihrer Aussagekraft zu einer starken Wissenschaftskritik und zum Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt geführt.
  • Die Wahrheit von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschung ist vernunftmäßig nicht stringent beweisbar.
  • In der Regel haben sie sich aber bei ihrer Anwendung als richtig und nützlich erwiesen.
  • Sie aus Verstandesgründen abzulehnen, widerspricht der Vernunft.
  • Die Vernunft erlaubt eine Kritik über Aussagekraft und Überschätzung.
  • Frankl hat in vielen Vorträgen auf die Gefahr der Tendenz zum Universalismus durch Überschreitung der Dimension des jeweiligen Wissenschaftsgebietes oder seiner Verengung durch die reduktionistische Simplifikation hingewiesen.
  • Die Wissenschaft hat einen wichtigen Platz im Leben, sie ist aber kein Allheilmittel. Dies würde einer vernünftigen Wissenschaftskritik entsprechen.
  • Nur die Vernunft sichert einen Bestand der Demokratie
  • Eine einseitige Demokratie-Kritik widerspricht der Vernunft

Schlussbemerkung

Verstand und Vernunft erklären vieles, aber nicht alles.
Manches ergänzt das Gefühl.
Verstand und Vernunft können nie so scharfsinnig sein, wie das Gefühl feinsinnig. (Frei nach Viktor Frankl)
Es sollte künftigen Generationen intensiv vermittelt werden, dass vor allem vernünftige Entscheidungen es sind, die es uns ermöglichen, ein friedliches und damit glückliches Leben zu führen.

 

 

Walter Kapral, 20. Dezember 2023