Im Katechismus der katholischen Kirche ist im Artikel 464 festgelegt, wer Jesus Christus ist: „Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch“.
Um das Verständnis nach der Einheit von Gottheit und Menschheit in der Person unseres Herrn Jesus Christus ist in den ersten Jahrhunderten des Christentums bei den Konzilen von Nicäa, Konstantinopel, Ephesus und Chalcedon gerungen worden.
Das Konzil von Nicäa 331 ist der Frage nach Gottheit und Menschheit Jesu das wichtigste. Es beschäftigte sich mit folgenden Lehren, die es als Irrlehren bezeichnete:
- Im Gnostischen Doketismus wurde die Menschheit Jesu geleugnet. Er habe nur einen Scheinleib gehabt.
- Der Adoptianismus leugnete die Gottheit Jesu: Er sei erst bei der Taufe im Jordan von Gott „adoptiert“ worden. (Paul von Samosata)
- Der Modalismus: Der Modalismus (auch modalistischer Monarchianismus genannt) versucht das Problem andersartig zu lösen. Er wahrt die volle Gottheit des Sohnes und gelangt zwecks Wahrung des Monotheismus zu Positionen, die auf eine Identität von Vater und Sohn hinauslaufen, da sie je nach Situation nur verschiedene Seins-Weisen des einen Gottes darstellen ohne reale Differenz.
- Mit Subordinatianismus wird die Aussage frühchristlicher Theologen bezeichnet, nach der Jesus Christus zwar göttlichen Wesens, aber Gott, dem Vater untergeordnet ist. Vor allem Origenes und sein Schüler Dionysius von Alexandria vertraten diese Ansicht.
- Arianismus: Wenn zwei Personen Gott seien, verstoße man gegen den Monotheismus. Vater und Sohn können nicht gleichen Wesens sein. Der Sohn wurde aus dem Nichts gezeugt. Es muss eine Zeit gegeben haben, in der der Sohn noch nicht existiert hat. Der Sohn ist dem Vater untergeordnet.
Aus den angeführten Beispielen ist ersichtlich, dass in den ersten christlichen Jahrhunderten um diese Frage heftig gerungen wurde, bis die eingangs aus dem Katechismus zitierte Antwort gefunden wurde. Diese Antwort ist eine Sache des Glaubens, weniger eine Sache des menschlichen Verstandes.
In der Demut meines menschlichen Verstandes will ich versuchen, Folgendes zu der Frage Gottheit und Menschheit unseres Herrn Jesus Christus beizutragen.
Es soll versucht werden, eine dem menschlichen Verstand entsprechende, logische Antwort auf folgende Fragen zu geben:
- Präexistenz
- Thesen
- Beurteilung der Frühchristlichen Fragen zu Gottheit und Menschheit
- War Jesus schon bei seiner Geburt Gott und Mensch in einer Person
- Zum Zeitpunkt der Vereinigung des Vaters mit dem Menschen Jesus
- Wunder-Berichte der Bibel
- Wie kann man sich die Präsenz Christi in Brot und Wein nach der Wandlung vorstellen
- Gedanken zu Leiden und Kreuz des Herrn
- Dreifaltigkeit Erklärungsversuch mittels der „Thesen“
Ad 1) Präexistenz
In einer Lesung aus dem Römerbrief ist mir eine Stelle aufgefallen, die ich in der Bibel nachgelesen habe: „Paulus Knecht Christi Jesu, berufener Apostel, ausgesondert zur Verkündigung der Frohbotschaft Gottes, die er vorher verheißen hat durch die Propheten in heiligen Schriften von seinem Sohn gekommen aus dem Samen Davids nach dem Fleische, bestimmt zum Sohn Gottes in Macht nach dem Geist der Herrlichkeit seit der Auferstehung von den Toten, Jesus Christus, unserem Herrn“ (Römer 1, 1-4).
In dieser Stelle wird die Präexistenz Christi nicht erwähnt.
Stellen der Bibel über die Präexistenz Christi:
AT: Mi(cha) 5,1: Dort heißt es: „Aus Betlehem wird einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen“
Ich kann hier keinen Hinweis auf Präexistenz erkennen, nur dass sein Ursprung weit zurückliegt.
T: Joh 1,18: Gott ist außer vom Sohn, also von Christus, von niemandem gesehen worden.
Phil 2, 5-11: „Er war Gott gleich.“ „…er wurde… den Menschen gleich…“ „…er erniedrigte sich…bis zum Tod am Kreuz.“ „Darum hat ihn Gott über alle erhöht…“
Joh 17,5 „Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war“
Joh 8,58 „…noch ehe Abraham wurde, bin ich“
Joh 17,5 und Joh 8,58 sind wohl nicht anders zu verstehen, als dass der Herr hier von seiner Präexistenz spricht.
Die folgenden Thesen verneinen nicht die Präexistenz des Herrn. Sie stehen nicht in direktem Bezug zur Frage seiner Präexistenz.
Sie befassen sich damit, wie die Ganze Menschlichkeit Jesu sich vereint mit seiner Ganzen Göttlichkeit mit unserem an Wahrnehmung gebunden Verstand erklärt werden könnte.
Ad 2) Thesen
- Die Annahme, dass Gott in dem Menschen Jesus in seiner ganzen Fülle gegenwärtig war, erklärt so manches, was bisher nur geglaubt werden konnte.
- Wenn Gott in Jesus gegenwärtig und anwesend war, dann war Der Herr Jesus Christus gleichzeitig wahrer Mensch und wahrer Gott.
Bemerkung:
Es kann sprachlich zwischen den Begriffen Gottheit und Gott unterschieden werden. Der Titel dieses Aufsatzes lautet zwar „Gedanken zu Gottheit und Menschheit unseres Herrn Jesus Christus“. Das ist aber nicht im Sinne von Meister Eckehart zu verstehen.
Meister Eckehart unterscheidet zwischen den Begriffen Gott und Gottheit. Die Christliche Glaubenslehre spricht von einem Gott in drei Personen. Darüber müsse es für den gläubigen Menschen noch eine Einheit geben, die Eckehart als Gottheit bezeichnet. Die Gottheit ist nur auf sich selbst bezogen, sie bringt nichts hervor. Diesbezüglich wurde Eckehart in Köln 1327 der Häresie angeklagt und widerrief pauschal alle seine Glaubensirrtümer. (siehe Wikipedia Meister Eckehart)
Ad 3) Zu den frühchristlichen Meinungen über Gottheit und Menschheit des Herrn:
- Er hat keinen Scheinleib (Doketismus) gehabt.
- Er musste nicht adoptiert werden, um Gott zu sein. (Adoptianismus)
- Gott war nicht einmal Vater, das andere Mal Sohn oder Geist. (Modalismus)
- Der Gottmensch Jesus Christus war nicht Gott untergeordnet. (Subordiatianismus)
- Arius wäre zuzustimmen, insoferne als der Gott-Mensch ja seine Existenz erst mit seiner Empfängnis beginnt.
- Auch der oben nicht erwähnte Nestorius hätte recht, insofern als Maria ja nur für dem Wahren Menschen und nicht für seine Göttlichkeit zuständig wäre.
Ad 4) Zu der Gottheit Jesu in den Kinder- und Jugendjahren
Der Gedanke der Gottheit und Menschheit eines Kindes, wie es damit umgegangen sein könnte ist ja in den Evangelien nicht zur Sprache gekommen. Versuche sind über die Vermutung bizarrer Begebenheiten nicht hinausgekommen. Wenn man in der Bibel (bei Lukas 2, 41 – 52) über das Leben des Knaben Jesus liest, hat man doch den Eindruck, dass es sich um einen normalen Jugendlichen handelt, der sich Gedanken über Gott und die Welt gemacht hat und nach Aufklärung sucht, und nicht um ein göttliches Wesen. Auch als Säugling war er wie jedes Kind auf Sorge und Schutz seiner Eltern angewiesen. In Lukas 2, 34-35 ist nur von der Bestimmung des Jesus-Kindes und nicht von seiner Göttlichkeit die Rede.
Ad 5) Möglicher Zeitpunkt der Vereinigung des Vaters mit dem Menschen Jesus
- Hier bietet sich das Taufereignis an, das bei den Synoptikern bzw. die Aussagen Johannes des Täufers über Jesus bei Johannes in allen vier Evangelien aufgezeichnet ist.
- Erst bei der Taufe Jesu ist von der Herabkunft des Heiligen Geistes auf ihn die Rede.
- In Matthäus 3, 13 – 17 gibt Jesus dem Johannes, (der Ihn zunächst gar nicht taufen wollte, weil er durch Jesus getauft werden sollte und nicht umgekehrt) nur den Hinweis auf den Willen Gottes. Fast hat man den Eindruck, auch Jesus wisse nicht, warum seine Taufe der Wille Gottes ist.
- Auf jeden Fall beginnt Jesus erst nach seiner Taufe mit seiner Sendung.
- In der Einsamkeit der Wüste versucht er seine Gedanken zu ordnen.
- Erst danach widersteht er den Versuchungen des Bösen, beruft seine Jünger und wirkt sein erstes Zeichen.
- Die ganze Dimension seiner Aufgabe erkennt er erst während seiner Verkündigungs-Tätigkeit durch die syro-phönizische heidnische Frau, der er zunächst die Hilfe verweigert, weil er sich nur zu Israel gesendet glaubte: Er ist auch zu den Heiden gesandt (Markus 7, 26-29).
- Erst in Joh. 14, 8-11 offenbart Jesus, dass er im Vater und der Vater in ihm ist und dass sie eins sind (Joh. 10,30).
- In Joh 14,28 sagt Jesus, dass der Vater größer als er ist: „…wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich“
Ad 6) Zu den Wunderberichten
Im frühen Christentum führte der Weg vom Wunder zum Glauben; gegenwärtig ist es so, dass der Weg eher vom Glauben zum Wunder führt.
Die Göttlichkeit des Menschen Jesus lässt Berichte des Evangeliums über wunderbare Ereignisse logisch zu:
- Dass er lehrte wie einer, der Macht hat.
- An seine wunderbaren Zeichen wie die Heilungsberichte.
- An die wunderbare Erweckung des Lazarus.
- An die Berichte über seine Auferstehung.
- An den Glauben, dass er uns seinen Leib und sein Blut in Form von Brot und Wein am Abend vor seinem Leiden hinterlassen hat.
Ad 7) Zum Glauben an die Realpräsenz des Christus Jesus in der Hostie und im Wein:
- Wie aus den Berichten über die Begebenheiten beim letzten Abendmahl deutlich zu entnehmen ist, hat Jesus gesagt, dass das Brot sein Leib und der Wein sein Blut ist. Er hat nicht gesagt, dass das Brot und der Wein er selbst seien. Das wäre auch nicht logisch, weil er ja die Verwandlung von Brot und Wein als lebender Mensch selbst vollzogen hat.
- Es handelt sich also um seinen geopferten Leib und sein hingegebenes Blut.
- Die Christen können bei der Kommunion mit dem irdischen Leib und Blut des Herrn verschmelzen und so seiner überirdischen Existenz teilhaft werden. Man beugt vor dem Leib des Herrn das Knie, der Leib ist nicht der Herr selbst. Der Herr ist aber gegenwärtig.
Bemerkung: so wie der Leib des Menschen nicht der Mensch selbst ist, hingegen der Mensch auch aus einem Leib besteht, so ist auch das geweihte Brot (Leib des Herrn) nicht Christus, der Herr besteht aber auch aus seinem Leib.
Ad 8) Zu dem schrecklichen Tod des Herrn am Kreuz
- Als Erklärung für den schrecklichen Kreuzestod des Herrn gilt in der Katholischen Kirche die Selbstopferung Jesu an Gott, wie auch Tiere geopfert wurden.
- Thomas von Aquin schreibt in seinem Opusculum zum Fronleichnamsfest: „Auf dem Altar des Kreuzes brachte er seinen Leib Gott, dem Vater, als Opfer dar, um uns mit ihm zu versöhnen.“
- Auch wir beten in der heiligen Messe die Hostie als Lamm Gottes an.
- Ich habe mich gefragt, ob es denkbar ist, dass ein Vater, der für die Versöhnung mit den Menschen (zur Wiederherstellung seiner Ehre, wie das einmal in der Schule ein Priester erklärt hat) das Leben seines Sohnes verlangt, der gütige und liebende Gott sein kann. Und ich habe nach Erklärung gesucht.
- Zweifellos war es zu einer Zeit, in der noch parallel zum sich ausbreitenden Christentum im Tempel Gottes in Jerusalem Tiere als Gottesopfer geschlachtet wurden, naheliegend, das Kreuzesopfer Christi in Analogie zu diesem Geschehen zu sehen.
- Und zweifellos hat sich Christus geopfert in dem Kampf gegen das Böse, den er im Auftrag seines Vaters geführt hat
- Und in dem er als Mensch unterliegen musste.
- Die Waffen des Herrn waren: Liebe, Barmherzigkeit, Gewaltlosigkeit, Vergebung, die er bis zum Tod durchgehalten hat.
- Die Waffen des Bösen waren: Gewalt, Schmerzbereitung, Lüge, Gemeinheit
Diesen Kampf muss man etwas differenzierter betrachten als mit der einfachen Erklärung des Gottes-Opfers, (Siehe auch W. Kapral, Seminararbeit Ostertexte 2006).
- Die Macht des Bösen liegt in der Kraft, aus sich immer wieder Böses hervorzubringen. Diese Macht hat Christus Jesus durch seine selbstlose Liebe und Gewaltlosigkeit, die er auch während seines ganzen Leidens durchgehalten hat, unterbrochen und damit die absolute Herrschaft des Bösen aufgehoben.
- Das Gewicht zwischen Gut und Böse, in dem die ganze Menschheit horizontal und vertikal verwoben ist, verschiebt sich mit jeder Tat jedes einzelnen Menschen in die eine oder die andere Richtung. Das bedeutet: Alles, was je ein Mensch tut (horizontal) oder getan hat (vertikal), setzt Bedingungen für das weitere Tun der Menschheit. Mit einem Terminus kann man sagen: Der Habitus der Menschheit ändert sich. Durch die Christus-Tat hat sich der Habitus der ganzen Menschheit zweifellos wesentlich zum Guten hin geändert.
- Durch die Christus-Tat tritt eine gewaltige Solidarität Gottes mit den Menschen zu Tage. Er hat den Kampf mit dem Bösen nicht den Menschen allein überlassen, sondern sich selbst unmittelbar eingeschaltet.
- Durch seine Tat hat Christus Jesus mit seinem Leben für die Wahrheit seiner Botschaft gebürgt.
Ad 9) Zu der Vorstellung der Dreifaltigkeit als ein Gott in drei Personen
Wenn der Vater in seiner Göttlichkeit in Sohn und Geist gegenwärtig ist, wie Er als Gott im Menschen Jesus gegenwärtig gewesen sein könnte, dann stößt diese Aussage über die Dreifaltigkeit auf Verstehen mit unserem Menschenverstand auf keine Schwierigkeiten. Er ist EIN Gott in DREI Personen. Diese nur dem Glauben zugängliche Aussage wird auch für den Verstand verstehbar.
Es darf also über Gottheit und Menschheit des Herrn gesagt werden
- Es hat im Bewusstsein des Herrn eine Entwicklung stattgefunden vom Wahren Menschen zu dem gleichzeitig Wahren Gott.
- Jesus war sich spätestens bei den Abschiedsreden als wahrer Mensch und Gott bewusst, dass der Vater und er eins sind.
- Als wahrer Mensch ist er in seine messianische Aufgabe hineingewachsen und
- Er hat gewusst, dass der Vater größer ist als er.
Schlussbemerkungen:
Ich glaube, dass durch diese Überlegungen, vieles in der Bibel Berichtete für uns verständlicher werden kann.
- Das Gespräch des Knaben Jesus mit den Schriftgelehrten ist nicht verständlich, wenn der Knabe schon Gott gewesen wäre.
- Dass der Gott-Mensch Jesus vom Satan versucht worden ist, ist nicht verständlich, wenn man bedenkt, dass der Satan kaum versucht hätte, Gott zu versuchen. Die Erklärung wäre, dass der Mensch Jesus trotz der Anwesenheit Gottes in ihm in der Wüste noch mit dem Verstehen seiner Aufgabe und mit der Einsicht, dass er im Vater und der Vater in ihm ist, gerungen hat. So hatte wohl der Satan noch eine Chance für sich gesehen.
- Der Mensch Jesus hat vielleicht knapp vor seinem Tod wahrgenommen, dass Gott seine absolute Anwesenheit in ihm verlassen hat, um seinen Tod zu ermöglichen. In der absoluten Anwesenheit Gottes hätte Jesus nicht sterben können, sondern wäre wie in Nazareth durch seine Bedränger hindurch gegangen. Dann wäre aber der Vollzug seiner Aufgabe unvollständig geblieben.
Ein letzter Gedanke: Christus erklärt den Emmaus- Jüngern aus der Schrift, warum der Messias auf jeden Fall leiden musste. Hier waren wohl die Verse des Isaias über die Leiden des Gottesknechts gemeint. Wenn man diese Stelle liest, hat man zunächst den Eindruck, Jesus begründe seine Leiden damit, dass die Prophezeiung erfüllt werden musste. Hier hat der Evangelist die Henne mit dem Ei verwechselt. Nicht die Prophezeiung war der Grund der Leiden, sondern umgekehrt das zur Rettung der Menschheit notwendige Leiden Christi war der Grund für die Prophezeiung.
Ich bitte für alle diese Gedanken um Verzeihung. Ich glaube nur. dass es meinem menschlichen Verstand nach vielleicht so gewesen sein könnte. Meine Gedanken würden auch den heilsnotwendigen Glaubenssätzen des Christentums nicht widersprechen. Wie alles wirklich gewesen ist, werden wir erst erfassen dürfen, wenn wir bei Gott sind.
Walter Kapral, 3. November 2023
