Gedanken über Sollen und Wollen

Es wird die Bedeutung von Sollen und Wollen im Alten Testament und im Neuen Testament der christlichen Religion diskutiert.

Sonstige Bedeutungen von „Sollen“ in: sollen – Wiktionary 

[1] um das Erteilen eines Befehls oder Auftrags auszudrücken
[2] um eine Empfehlung eines Dritten auszudrücken
[3] in der indirekten Rede: um eine nicht selbst aufgestellte Behauptung oder das Hörensagen auszudrücken
[4] im Präteritum: um eine spätere Zeitebene in der Vergangenheit auszudrücken
[5] im Konjunktiv II: um eine Vermutung, Annahme auszudrücken
[6] im Konjunktiv II Präteritum: um eine persönliche Empfehlung auszudrücken
[7] im Konjunktiv II Präteritum: um ein unwahrscheinliches Eintreffen einer Bedingung zu verstärken

Mit Sollen ist die von außen erfolgte Vorgabe für Verhaltensweisen, mit Wollen ist der mit freiem Willen gefasste Entschluss des Menschen für seine Verhaltensweise gemeint.

Im Alten Testament wendet sich das Sollen in erster Linie an ein Kollektiv von Menschen und erst in zweiter Linie und kaum an den Einzelnen.

Im Alten Testament ist die Erfüllung des Sollens durch das Kollektiv die Antwort auf das Sollen.

Im Neuen Testament wendet sich das Sollen an jeden einzelnen Menschen.

Im Neuen Testament wird als Antwort das Wollen des Einzelnen erwartet.

Allerdings findet sich auch im Alten Testament mindestens eine Stelle, die darauf hinweist, dass das Sollen nur erfüllt wird, wenn es aus dem Willen des Menschen entspringt. In Deuteronomium 6, 4 – 5 heißt es wörtlich: „Höre Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“. Das impliziert die Erfüllung des Gebotes durch das Wollen.

Die persönliche Einsicht in das im Sollen enthaltene Gute ersetzt das von außen kommende Sollen durch das eigene Wollen des Guten. Das erfolgt in einem lebenslangen Lernprozess, in dem der Mensch das Gute von sich aus lieben lernt.

Das Wollen ist eng verknüpft mit den Begriffen „Gut und Liebe“.

Nun muss man gestehen, dass es keine Definition des Guten oder der Liebe gibt.

Paulus lehrt auch nur, wie die Liebe ist, indem er sie beschreibt (Korinther 1,13) und sagt nicht, was sie ist. Ebenso verhält es sich mit dem Guten: Jeder kann beurteilen was liebevoll oder gut ist.

Die Frage ist nun, wie kommt der Mensch zu diesen Begriffen; wieso kann er sie so gut unterscheiden.

Der Mensch hat folgende Hilfsmittel, um ein Weltbild zu erlangen, sich in das Sein einzufügen, also sein Leben zu gestalten und zu führen.

  1. Er hat die logischen Kräfte seines Verstandes verwenden, um eine Aussage zu bilden.
  2. Er kann kraft seiner Vernunft Wahrheitsgehalt und Realität einer Verstandes-Aussage abschätzen und mit Hilfe der hermeneutischen Ellipse oder, besser gesagt, der hermeneutischen Spirale, den Wahrheitsgehalt verschiedener Aussagen vergleichen und bewerten.
  3. Er hat ein untrügliches Gefühl für richtig und falsch, für Wert und Unwert.
  4. Er kann mit seinem Verstand und seiner Vernunft seinen Glauben hinterfragen, sich eine Meinung bilden und sich danach verhalten.
  5. Er kann mit seiner Vernunft die Ergebnisse seines Verstandes überprüfen und korrigieren.
  6. Er kann aber auch mit seinem Verstand die Ergebnisse seiner Vernunft unterdrücken.

Er kann also beispielsweise einen Krieg beginnen, weil derselbe ihm notwendig und unabwendbar erscheint. Er kann sogar logisch begründen, warum Menschenleid und Zerstörung gegenüber dem Krieg als sekundär anzusehen sind. Er unterzieht nicht die Ergebnisse seines Verstandes der Kritik seiner Vernunft, die ihn vor seinem Vorhaben warnen würde. So kommt er dazu, sein Vorgehen für richtig zu halten.

Nach christlicher Lehre soll der Mensch durch seinen lebenslangen Reifungsprozess erreichen, das Gute um des Guten willen von sich aus zu wollen und kraft seines Wollens auch zu tun.

Ein Beispiel: Nehmen wir das erste Gebot aus dem Dekalog: Du sollst Gott lieben. Wenn der Mensch das nur tut, um nicht bestraft zu werden, so hat er zu wenig getan. Seine Gottes-Liebe ist zwar lobenswert, aber sie kommt nicht aus ihm, sondern durch ein von außen wirkendes Sollen. Er hat seine Entscheidung nicht in Freiheit getroffen, sondern ist einer gewissen Nötigung gefolgt.

Was will Christus mit seiner Lehre? Er will nicht, dass der Mensch sich durch Gebote nötigen lässt und somit glaubt, alles getan zu haben, was Gott von ihm will, und er auch Anspruch auf Belohnung hat. Vielmehr soll er das tun, was ihm sein inneres Wollen entsprechend dem Gebot empfiehlt.

Christus tritt in dieser Hinsicht mit großer Strenge gegen das „Pharisäertum“ auf und nicht mit liebevollem Erbarmen, weil sich die Sollen-Empfänger in einem tödlichen Irrtum befinden. Dass es hier ums Ganze geht, zeigt die Härte der Christusaussagen.

Ebenso warnt er vor jeder unkritische Nachahmung der „Pharisäer“.

Der Herr sieht das Menschenwohl ernstlich bedroht, wenn auf das Sollen nicht das Wollen zum Guten und zur Umkehr folgt.

Christus verkündet Gottes Liebe, die dem Menschen volle Freiheit in dessen Entscheidung gibt. Das macht die menschliche, in voller Freiheit getroffene Entscheidung zum Guten aber auch besonders wertvoll und von Gott erwünscht.

Alle Gleichnisse zeigen die Liebe Gottes zu den sündigen, irrenden und schwachen Menschen und sein Bemühen um jeden Einzelnen.

Den Menschen zum sonntäglichen Kirchgang mit der Höllendrohung zu veranlassen, grenzt an Gotteslästerung ebenso wie Zwangstaufen.

Jeder Überredungsversuch an einen Sterbenden, seinen Besitz testamentarisch der Kirche zu überlassen und so ein Zeichen der Reue zur Erlangung der Vergebung zu setzen, ist ein verwerfliches Verbrechen.

Es ist sehr fraglich, ob ein Mensch von sich aus überhaupt auf so einen Gedanken kommt.

Die Hüter des Glaubens sollen in sich gehen und ihre Vorschriften und Aussagen durchforsten, ob sie den suchenden Menschen zum Wollen führen oder ihm ein nutzloses Sollen aufzwingen.

Unnütze Kirchengebote sollten so rasch als möglich verworfen werden, damit die Kirche ihre Glaubwürdigkeit wiedergewinnt und dem Menschen wieder eine Ratgeberin wird, der er vertrauen kann.

Allen in der Kirche Verantwortlichen, die meinen Ausführungen zustimmen, möchte ich sehr danken. Denen, die sie ablehnen, möchte ich sowohl meinen Respekt als auch mein Bedauern zusichern.

 

Walter Kapral, 16. Juli 2022