In meinem Aufsatz „Der Sinn und das Gute“ habe ich Folgendes geschrieben:
„Die christlichen Philosophen versuchen eine Definition von „Gut“ durch die Gleichsetzung des Guten mit Gott. Damit gelingt es ihnen besser als den anderen Philosophen, das Gute einem Teil der Menschheit, nämlich dem an Gott glaubenden Teil, eine Begründung für ethisches Handeln zu geben.“
Friedrich Nietzsche hat das Problem der Begründung einer (Wert-)Ethik prägnant zusammengefasst:
Der Satz „Gott ist tot“ ist eine berühmte Aussage Nietzsches, die die Entkräftung des christlichen Gottes und der religiösen Werte in der modernen Welt beschreibt. Nietzsche argumentiert, dass der Verlust des Glaubens an Gott zu einer Krise der Werte führt, da die traditionelle Moral, die auf dem Glauben an Gott beruhte, zusammenbricht. Dies erfordert eine Neubewertung aller Werte und die Schaffung neuer, lebensbejahender Werte.
Dieser Aussage wage ich nichts hinzuzufügen, außer, dass wir noch immer nach dieser Begründung der Werte suchen.
Ich möchte hier untersuchen, ob es ohne den Glauben an Gott eine Begründung von ethischem Handel gibt.
Ich hatte in Erinnerung, dass Monod (Jacques Lucien Monod, geb. 9. Februar 1910 in Paris, verst. 31. Mai 1976 in Cannes, war ein französischer Mikrobiologe und Biochemiker) in seinem Hauptwerk „Zufall und Notwendigkeit“, das 1970 erschienen ist, eine Begründung ethischen Handelns versucht hat.
Jacques Monod, ein französischer Biochemiker und Nobelpreisträger, bietet eine interessante Perspektive auf die Ethik aus der Sicht des wissenschaftlichen Materialismus. In seinem Werk „Le hasard et la nécessit“ („Zufall und Notwendigkeit“) diskutiert Monod die Implikationen der modernen Biologie und Evolutionstheorie für das menschliche Selbstverständnis und die Ethik.
Einige Gedanken aus seinem Buch „Zufall und Notwendigkeit“ möchte ich anführen:
- Wegen der Notwendigkeit der Stammes- und Gruppen-Bildung der Menschen, um überleben zu können, war es notwendig, dass jeder Angehörige der Gruppe sich an in der Gruppe übliche Gebräuche und Verhaltensweisen hält, um nicht ausgeschlossen zu werden. Die Urangst des Menschen hängt möglicherweise mit dem Ausschluss aus der Gruppe zusammen.
- Unsere Vorfahren sahen in Ereignissen und Gestalten (Berge, Flüsse) der Natur das Wirken von Kräften, die freundlich oder feindlich gesinnt waren. Daraus entwickelte sich der Glaube an Beseelung der Natur (Animismus). So entstand auch der Götterglaube bis hin zu den Religionen.
- Monod spricht von animistischen Religionen, meint aber auch philosophische Lehren, die Gesetze in der Natur voraussetzen, wie z.B. bei Hegel und sogar Marx.
- Die Menschheit glaubte diese Gesetzlichkeiten wissenschaftlich erforschen und sich zu eigen machen zu können.
- Ende des 19 Jahrhunderts wurde deutlich, dass eine kritische Erkenntnis-Theorie für die Objektivität der Erkenntnis notwendig sei.
Wie erklärt Monod die Ethik?
Monods ethische Betrachtungen basieren auf einigen zentralen Punkten:
- Zufall und Notwendigkeit: Monod argumentiert, dass das Leben und die Evolution das Ergebnis zufälliger genetischer Mutationen und der natürlichen Auslese sind. Diese Sichtweise impliziert, dass es keinen übernatürlichen Plan oder Zweck hinter der Existenz des Lebens gibt. Der Mensch muss daher seine eigenen Werte und ethischen Prinzipien entwickeln, ohne auf eine höhere, vorgegebene Moral zurückgreifen zu können.
- Objektive Erkenntnis: Monod betont die Bedeutung der Wissenschaft und der objektiven Erkenntnis für das menschliche Weltverständnis. Er lehnt jede Form von teleologischem Denken (das heißt, Denken, das einen Zweck oder ein Ziel in der Natur voraussetzt) ab. Für ihn ist das wissenschaftliche Weltbild zentral, um eine kohärente und rationale Ethik zu entwickeln.
- Freiheit und Verantwortung: Da der Mensch keinen vorgegebenen Zweck hat, sieht Monod die Freiheit des Menschen als wesentlich an. Diese Freiheit bringt jedoch auch eine immense Verantwortung mit sich, da der Mensch seine eigenen Werte und moralischen Prinzipien autonom schaffen muss. Monod betont, dass der Mensch sich selbst und seine Umwelt im Lichte dieser frei gewählten Werte verantwortungsvoll gestalten muss.
- Humanismus: Trotz seines materialistischen Weltbildes befürwortet Monod eine humanistische Ethik. Er glaubt, dass der Mensch durch seine Fähigkeit zur Reflexion, Empathie und Vernunft moralische Prinzipien entwickeln kann, die das Wohlergehen und die Würde aller Menschen fördern.
- Zusammengefasst sieht Monod die Ethik als ein menschliches Konstrukt, das in einer Welt ohne vorgegebenen Sinn oder Zweck entwickelt werden muss. Diese Ethik sollte auf rationaler Erkenntnis Leben, Freiheit und Verantwortung basieren und das Ziel haben, das menschliche Leben zu verbessern und zu bereichern.
Dem möchte ich noch einiges hinzufügen:
- Jaques Monod weist in „Zufall und Notwendigkeit“, Seite 153 und 154, auf die Unterscheidung zwischen Wertkategorie und Erkenntniskategorie hin.
- In einem objektiven System ist Vermischung von Erkenntnis und Werten verboten. Im Gegensatz zum Animismus verschiedener Religionen.
- Objektivitäts-Postulat ist Bedingung wahrer Erkenntnis.
- Das Objektivitäts-Postulat stellt eine Norm für Erkenntnis dar und ist ein Werturteil. Es handelt sich um Ethik der Erkenntnis.
- Zum Unterschied von animistischer Ethik, die für den Menschen zwingende religiöse oder natürliche Gesetze kennt, ist die Anwendung des Objektivitäts-Postulats ein Axiom, das der Mensch frei wählen kann.
- Die moderne Gesellschaft bedarf einer Ethik mit wissenschaftlicher Begründung (Erkenntnis). Die Begründung durch animistische Vorgaben wird durch logische Erkenntnis widerlegt.
- Die objektive Erkenntnis gibt der Menschheit einerseits unglaubliche Möglichkeiten an die Hand, andererseits kann sie sich nicht mehr auf animistische Werte beziehen.
- Allein die Ethik der Erkenntnis hat das heutige Weltbild begründet.
- Um diese nicht wieder zu zerstören, sind ethische Übereinkünfte (Menschenrechte) notwendig.
- Die Ethik der Erkenntnis ist an sich ein überragender Wert für die Menschheit.
- Die Menschen sollen sich dieses Wertes bedienen und sich frei und bewusst dafür entscheiden. („Zufall und Notwendigkeit“, Seite 154 bis 155)
Diskussion über Monod
Zusammenfassung der Position Monods:
- Die Wissenschaft ist die bestimmende Kraft im gesellschaftlichen Leben der Menschen.
- Die animistischen Religionen und Weltanschauungen sind durch die objektive Wissenschaft widerlegt.
- Erkenntnis erfordert Objektivität.
- Die Begründung ethischer Erfordernisse im Sinne eines verbindlichen „Sollens“ und damit „Wollens“ durch animistische Religionen und Gottessvorstellung ist durch wissenschaftliche objektive Erkenntnis obsolet.
- Das Objektivitäts-Postulat stellt eine Norm für Erkenntnis dar und ist ein Werturteil. Es handelt sich um die Ethik der Erkenntnis.
- Die Erkenntnis durch objektive Wissenschaft bietet keine Sollens- und Wollens-Vorgaben des ethischen Verhaltens.
- Vielmehr ist die Objektive Erkenntnis ein Angebot, für das sich jeder Mensch individuell entscheiden kann.
- Die Menschheit sollte einen ethischen Grundkonsens beschließen und sich darauf einigen.
- Es ist jedem Menschen überlassen sich diesem Grundkonsens anzuschließen oder nicht.
- Es wird an die Vernunft jedes Menschen appelliert, dem Grundkonsens zuzustimmen und zu beachten, um das Überleben künftiger Generationen zu sichern.
- Zum Unterschied von Animistischer Ethik, die für den Menschen zwingende religiöse oder natürliche Gesetze kennt, ist die Anwendung des Objektivitäts-Postulats ein Axiom, das der Mensch frei wählen kann.
Kritik an Monod:
- Das, was Monod im Buch über Zufall und Notwendigkeit schreibt, ist veraltet und entspricht nur mehr den 1970-er Jahren.
- Die Wissenschaftsgläubigkeit der Menschen in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ist einer Wissenschafts-Kritik gewichen, die vor allem die Irrtums-Möglichkeit (um nicht zu sagen Irrtums-Anfälligkeit) von wissenschaftlichen Erkenntnissen anprangert.
- Die Wissenschaft dominiert nicht mehr das öffentliche Leben.
- Über die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse entscheiden auch wesentliche andere Erkenntnisse sozialer, politischer, religiöser und kommerzieller Art.
- Das Ziel ist ein Konsens aller dieser Möglichkeiten.
- Es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft, die Beantwortung aller philosophischen, theologischen und esoterischen Fragen zu übernehmen
- Die Begründung ethischer Vorgaben durch „animistische“ Religionen und Weltanschauungen kann nicht mehr von wissenschaftlichen Erkenntnissen als obsolet bezeichnet werden.
- Wenn Monod behauptet, dass ausschließlich objektive Wissenschaft als Erkenntnisquelle möglich ist, ist das schlicht als falsch zu bezeichnen.
Bemerkung: Ich habe in einem früheren Aufsatz folgende Erkenntnis-Hilfen des Menschen genannt: Verstand, Vernunft, Gefühl, Gewissen und Glaube. - Es könnte auch Mängel seiner logischen Stringenz geben: Er definiert Objektivität als wichtigstes Element der wissenschaftlichen Erkenntnis, um jeden subjektiven Einfluss auszuschalten. Die Objektivität ist das Grund-Axiom für diese Meinung. Aber bei jeder Formulierung eines Axioms spielt Subjektivität eine nicht ausschaltbare Rolle. Diese hat sich also auch bei seiner „Objektivität“ so wieder eingeschlichen.
- Zusammenfassend ist seine Weltanschauung nicht nur veraltet, sondern oft auch falsch.
Bemerkung: Wir stehen wieder am Anfang unserer Frage nach einer rationalen Begründung der Ethik-Vorgaben. Diese ist nur mit Gott und den Religionen möglich.
Wenn es bei Ethik-Vorgaben nur um die persönliche Meinung ginge, wäre ein Chaos bald perfekt.
Als weitere Frage ist es interessant, wie es mit ethischen Vorgaben und gut und böse heutzutage aussieht.
Diesbezüglich habe ich wieder Chats (KI) befragt:
„Können Sie mir etwas sagen zur ethischen Begründung von gut und böse?“
Die Ausführungen KI (künstlichen Intelligenz) auf meine Frage über den derzeitigen Stand von gut, böse und Ethik ist sehr ausführlich geraten.
Im Folgenden möchte ich diese Ausführungen kommentieren und vielleicht übersichtlicher und kürzer machen.
Wegen des besseren Überblicks habe ich die Aussagen von Chats (künstliche Intelligenz) nummeriert und meine Stellungnahme zu einzelnen oder mehreren Nummern gleich angefügt.
Bemerkung: Die KI hat zu Beginn vieles nicht gewusst, was ich gefragt habe. Beispielsweise hat sie den Begriff der Redundanz überhaupt nicht gekannt. Sie hat aber Umfang und Qualität ihrer Antworten wesentlich verbessert. Jetzt ist die KI für mich eine wichtige Erkenntnis-Quelle.
- Diese uralte und seit jeher eng mit Religion verquickte Frage stellt sich gerade heute, im Zeitalter des Terrorismus auf der einen und der Suche nach einer globalen Ethik auf der anderen Seite, mit neuer Schärfe.
- Während die Terroristen sich selbst als Idealisten und Märtyrer für eine Sache verstehen, die sie fraglos als gut empfinden, scheitert eine transkulturell akzeptable Definition von gut und böse (etwa im Sinn von „was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andern zu“) offenbar an unlösbaren Widersprüchen.
- Scheint die Frage „Was ist ‚gut‘ und was ist ‚böse‘?“ in erster Lesung noch relativ leicht zu beantworten – „gut“ ist, was mir nützt und „gut tut“, „böse“ alles Gegenteilige –, so wird sie immer verzwickter, je näher man hinschaut.
- Was für mich gut ist, mag für einen anderen, vielleicht gar für meinen Nächsten, schlecht, schädlich und somit „böse“ sein.
- Und dies gilt nicht bloß in alltäglichen Konkurrenzsituationen etwa im Beruf, in der Familie oder im Sport, sondern ebenfalls auf beliebigen meso- und makrosozialen Ebenen bis hin zu ganzen Völkern und Zivilisationen.
- Was für die Israelis gut ist (so zum Beispiel der voranschreitende Siedlungsbau durch jüdische Siedler im palästinensischen Westjordanland), ist für die Palästinenser böse und schlecht, und was für diese gut ist (etwa die Gründung eines eigenen Staates und das Verhindern jeder weiteren Ausdehnung des Staats Israel) ist schlecht für die Israelis.
- Oder noch viel deutlicher: „Böse“ Christen durch Attentate umzubringen ist offenbar sehr gut, ja heldenhaft und wunderbar für die extremen Islamisten, und diese Islamisten zu töten ist folglich „gut“ für die Christen.
- Kurz und (nicht) gut: Das Gute des Einen ist nur zu oft das Böse des Anderen, und umgekehrt.
Zu Nummer 1 bis 8: Das sind subjektive Darstellungen. Was für den Einzelnen gut ist, kann für den anderen schlecht (böse) sein. Dass man daraus keinen allgemeinen Begriff ableiten kann, ist wohl selbstverständlich. (WK)
Erste philosophische Annäherung:
- Seit jeher wird „das Böse“ gern einem radikal Anders- und Fremdartigen zugeschrieben, zum Beispiel dem Teufel oder Satan.
Zu Nr.: 9) Dass das Fremde und Ungewohnte wird oft als Bedrohung empfunden und so als bös betrachtet, kann allgemein beobachtet werden. (WK)
- Aber der Teufel selbst war ursprünglich ein Teil Gottes, nämlich ein „gefallener“ oder von Gott abgefallener Engel, sagt die (christliche) Lehre inkonsequenter- und konfuserweise. Denn wenn Gott wirklich allmächtig und allgütig wäre, so sollte er, weiß Gott, imstande sein, einen solchen Unfug zu verhindern.
- Gerade dies unterlasse er indessen mit Bedacht, behauptet die Religion mit einer zusätzlichen Spitzfindigkeit: nämlich einerseits, um den Menschen (den er doch selbst geschaffen hat – wieso denn derart unvollkommen?) auf die Probe zu stellen, und andererseits, um ihn für seine Sünden (und letztlich für den ersten Sündenfall, den Griff nach der verbotenen Erkenntnis, sprich Sexualität) zu bestrafen.
- Widersinn über Widersinn, oder vielmehr ganze Kaskaden von widerspruchsvollen Projektionen ins Religiöse und Göttliche unserer eigenen fundamentalen Unklarheit über gut und böse.
Zu Nr. 10 bis 12) Die Kritik an Gott, der Religion speziell des Christentums, ist in dieser Argumentations-Ebene irgendwie logisch. Auf einer anderen Ebene der Reflexion habe ich in „Gedanken zur Vereinbarkeit der Attribute All-Macht und All-Güte Gottes“ versucht dieser Kritik Argumente entgegenzusetzen. (WK)
Kurz zusammengefasste Argumentation der genannten Arbeit: Der Mensch kann nur Liebe schenken, wenn er sich zu diesem Wollen frei entscheiden kann und nicht dazu gezwungen wird. Um das zu ermöglichen, muss Gott seine eigene Allmacht beschränken und seine Schöpfung in die Freiheit entlassen. Der Herr mischt sich in die wesentlichen Ereignisse seiner Schöpfung nicht ein. Hier muss der Mensch die Verantwortung übernehmen und hat auch die Freiheit, sich gegen Gottes Absicht zu entscheiden.
Das scheint mir eine plausible Erklärung für uns sonst unverständliche Fragen zu sein. Die Erklärungen der Kirche sind auch für mich ungenügend.
- Fraglos ist allerdings, dass wir in der Praxis ohne einen einigermaßen klaren Begriff von gut und böse nicht auskommen. Keine Familie, keine Gruppe und noch viel weniger eine ganze Gesellschaft können ohne leidlich stabile Wert- und Moralbegriffe als Grundlage jeden Rechts überleben.
- Nur: Welches Recht soll denn heute, im Zeitalter der Globalisierung, gelten? Etwa das nationale oder das internationale Recht (was zurzeit gerade in der Schweiz wieder heiß diskutiert wird), das westliche und jüdisch-christliche Recht oder die Scharia?
- Und wie steht es mit den Begriffen von gut und böse in kommunistisch oder neokapitalistisch totalitären, aber gleichzeitig traditionell konfuzianischen Staaten wie Nordkorea oder China?
Zu Nr. 13 bis 15) Hier wird deutlich von der Notwendigkeit der Begriffe (oder besser der Adjektive) gut und böse gesprochen und auch von der Schwierigkeit, diese auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Trotzdem schließe ich mich der Bedeutung von ethischen Begriffen für unser Zusammenleben vollinhaltlich an. Solange Menschen die Entscheidung von wichtigen Dingen für sich allein beanspruchen, werden sie leider immer auf unlösbare Schwierigkeiten stoßen. (WK)
- Wissenschaftler und Denker wie Konrad Lorenz, Sigmund Freud oder Erich Fromm haben bekanntlich behauptet, dass das „sogenannte Böse“ nicht etwas Fremdes und Andersartiges, sondern etwas dem Menschen als Aggressions- und Zerstörungstrieb Angeborenes ist. Wobei Fromm immerhin zwischen einer gutartigen (reaktiv-defensiven) und bösartigen (destruktiv-grausamen) Aggression unterscheidet.
Zu Nr. 16: Wenn Konrad Lorenz, Sigmund Freud oder Erich Fromm behaupten, dass das sogenannte Böse in der menschlichen Psyche verankert ist, so suggeriert diese Formulierung, dass der Mensch gar nicht anders kann und das stimmt nicht. Zweifellos aber hat die menschliche Psyche auch viel mit Bösem zu tun. (WK)
- Hannah Ahrendt führt aus, dass es im Menschen zwar ein absolut Böses gebe, nicht aber ein absolut Gutes. Zu dieser Einschätzung kommt sie unter anderem aufgrund ihrer Untersuchung von Nazischergen wie Adolf Eichmann. Das absolut Böse umschreibt Arendt eindrucksvoll als nur subjektiv fassbar als „das, was bei uns sprachloses Entsetzen verursacht, wenn wir nichts anderes mehr sagen können als: Dies hätte nie geschehen dürfen.“
- Den Begriff „Banalität des Bösen“, den Arendt in ihrer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus prägt, ist ebenfalls von besonderem Interesse, wie auch eine Eintragung in ihrem Denktagebuch aus dem Jahr 1953, wonach das radikal Böse immer dann entstehe, wenn ein radikal Gutes gewollt werde.
- Diese Aussage mutet wie ein Gegenstück an zu Goethes Figur des Mephistopheles als „Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.
Zu Nr. 17 bis 19: Hannah Arendt hat recht. Nur in einem Punkt wage ich ihr zu widersprechen: Dass als absolut Böses den Menschen sprachlos macht, haben viele wahrscheinlich schon empfunden, allein auch Verursacher dieses absolut Bösen haben die Möglichkeit der Vergebung nach christlicher Lehre. In dieser Lehre hat das absolut Böse keinen Platz beim Menschen. (WK)
„Gut“ und „böse“ in der Evolution:
- Aus der evolutionären Perspektive, die am meisten Sinn zu machen scheint, ist Aggressivität überlebenswichtig, also im Prinzip sicher „gut“, denn ihre ursprüngliche und zentrale Funktion ist es, das eigene Revier, das Nest und die Nachkommenschaft gegen einen Feind zu schützen. Oder, auf höherer Stufe, die Fähigkeit, die eigene Identität zu bewahren, sich abzugrenzen und, wenn nötig, entschieden „nein“ und „bis hierher und nicht weiter!“ sagen zu können.
- Genau dieser vital wichtige Überlebensvorteil hat dazu geführt, dass sich aggressive Fühl-, Denk- und Verhaltensweisen im Lauf der Evolution herausbildeten und weitervererbt wurden.
Zu Nr.20 bis 21: Dieser Ansicht können wohl alle zustimmen. Die Erklärungen der Evolution stehen nicht in einem Gegensatz zum Glauben. (WK)
- Im Übermaß allerdings, das heißt über diese sinnvollen Grenzen hinaus, erscheinen Wut und Aggression wohl fraglos als „böse“. Bei den Tieren, und in der Natur überhaupt, kann man schwerlich von gut oder böse sprechen, obwohl wir immer wieder projektiv die Natur bald als grausam und bald als allgütig empfinden.
Zu Nr. 22: Dass das Übermaß der Verteidigungsbereitschaft wie Wut und Aggression beim Menschen als böse zu bezeichnen ist, findet ebenso Zustimmung. (WK)
- Dem modernen Menschen, der Naturereignisse nicht mehr als göttliche Strafen oder Belohnungen versteht, erscheint die Natur als indifferent selbst dann, wenn sie – wie etwa bei großen Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen – ungeheure Schäden mit Tausenden von Toten anrichtet. Ebenso wenig sind Tiere „böse“, selbst wenn sie aggressiv sind und einander töten und fressen.
- „Gut“ und „böse“ sind moralische Kategorien und als solche nur dem Menschen zugehörig. – Aber ist denn der Mensch nicht letztlich auch Natur, nicht auch ein Tier, wenn auch ein emotional-kognitiv besonders differenziertes? Und ist nicht dennoch „die Natur“ (d.h. die Natur im Ganzen und also auch unsere eigene Natur) zumindest insofern „allgütig“, als sie dafür verantwortlich ist, dass überhaupt Etwas (und nicht Nichts) ist, dass sich dieses Etwas (und darin ebenfalls der Mensch) immer weiter und weiterentwickelt? Jedenfalls ist auch die Natur als Evolution etwas unendlich Großartiges und Wunderbares.
Zu Nr. 23 bis 24: Naturereignisse sind selbstverständlich nicht als Strafe anzusehen. Auf diese und das Verhalten von Tieren kann das Adjektiv böse nicht angewendet werden. Böse und gut sind Eigenschaften, die nur dem Menschen zukommen. Natürlich hat die Gottesschöpfung Natur auch den Menschen hervorgebracht. Sie hat auch den Geist des Menschen gebildet, der vermag gut und böse zu unterscheiden. (WK)
- Vielleicht ist gut auch ganz einfach das, was die Evolution des Lebens – sowohl des einzelnen Lebewesens wie auch des Lebens als Ganzes – fördert.
- Aber von nahe besehen geraten wir in die gleichen Widersprüche wie zuvor: Was für das eine Lebewesen gut (das heißt lebensfördernd) ist, ist möglicherweise höchst ungut (das heißt zerstörerisch) für das andere, und was die gesamte Evolution in die eine Richtung befördert, schädigt sie in eine andere Richtung.
- Und wer sagt denn, dass die aktuelle Evolution im weitesten Sinn – wozu ich auch die ganze kulturelle und technische Entwicklung des Menschen zähle – wirklich gut und dem Leben als Ganzes förderlich ist? Eher das Gegenteil scheint zurzeit der Fall zu sein
Zu Nr. 25 bis 27: Hier widerspreche ich energisch: Das Wohl der Menschheit und des einzelnen Menschen können sehr wohl als Argument für gut und böse herangezogen werden. Das gilt für Gesamtheit und Einzelbetrachtung. Die Rede ist hier die Wirkung von Affekt (und nicht Gefühl) auf den Verstand und umgekehrt. Es gibt natürlich eine Wechselwirkung zwischen Gefühl, Verstand und Vernunft. Diese Wechselwirkung ist ganz anders als die hier gemeinte. (WK)
„Gut“ und „böse“ aus der Perspektive der Affektlogik:
- Noch verzwickter wird das Problem, wenn wir es aus der Perspektive der Affektlogik betrachten – einer Lehre von den Wechselwirkungen zwischen Fühlen und Denken sowie insbesondere der Wirkungen von Gefühlen auf das Denken.
- Je nach vorherrschendem Gefühl werden Wahrnehmung, Gedächtnis, kombinatorisches Denken und Entscheiden durch eine Logik der Angst, der Trauer, der Freude und Liebe oder durch eine Hass- und Wut-Logik geleitet – und je nachdem verändert sich auch ganz erheblich, was wir als „gut“ oder „böse“ empfinden.
- Hegen wir einem bestimmten Menschen, einem Volk oder einer Kultur gegenüber vor allem positive Gefühle wie Sympathie, Freude oder Liebe, so erscheint alles als gut, was Nähe, Freundschaft und Zusammenarbeit verspricht, alles Gegenteilige dagegen als böse oder schlecht.
- Genau umgekehrt ist es, wenn wir jemanden oder etwas hassen: Gut ist, sich vom gehassten Objekt abzusetzen, eventuell auch es anzugreifen und zu zerstören, schlecht dagegen, sich ihm in irgendeiner Weise zu nähern, vielleicht auch nur mit ihm das Gespräch oder eine gewisse Zusammenarbeit zu suchen.
- Beobachtungen oder Informationen, die unserer emotionalen Grundeinstellung widersprechen, blenden wir mit Vorliebe aus.
- Die große Politik (zurzeit etwa die völlig unterschiedlichen Haltungen von Barack Obama und Donald Trump hinsichtlich der Verhandlungen zwischen Iran und dem Westen, oder das Vorgehen der verschiedenen Protagonisten im Syrien-, Ukraine- oder Israel-Palästina-Konflikt) liefert dafür laufend spektakuläre Beispiele.
28 bis 33: Affekt ist kein Gefühl. Der Affekt korrumpiert oft den Verstand und hat mit Vernunft nichts zu tun. Dass wir gegen sympathische Menschen mildere Urteile fällen als gegenüber unsympathischen kann jeder an sich beobachten. Auch in der Politik menschelt es. (WK)
Krass widersprüchliche Definitionen von „gut“ und „böse“:
- Je nach emotionaler Perspektive (je nachdem, wer wen als Terrorist abstempelt) sind die Folge. Nicht anders ist es aber auch im Kleinen, zum Beispiel in Betriebs-, Familien- oder Partnerkonflikten. Fazit was lässt sich aus diesem Wirrwarr rund um die Begriffe „gut“ und „böse“ schließen?
- „Gut“ und „böse“ sind offensichtlich Binnenbegriffe, die sich auf bestimmte Kulturen, Kontexte und Situationen beziehen und dort auch völlig unentbehrlich sind.
- Verallgemeinerungen im Sinn einer globalen Ethik sind dagegen nur sehr bedingt möglich. Sie werden sich höchstens in Bereichen allmählich durchzusetzen vermögen, in denen eine Globalisierung tatsächlich eingetreten ist: vielleicht im Welthandel, immer mehr hoffentlich in einer weltweiten Klimapolitik, noch viel zu wenig in Bezug auf die angeblich universellen, in Wirklichkeit aber höchstens in einigen hochentwickelten westlichen Demokratien halbwegs verwirklichten Menschenrechte.
Zu Nr.34 bis 36: Eine allgemein einheitliche Klassifizierung ist nur möglich bei folgendem Grundkonsens: Es handelt sich um das Gemeinwohl der Menschheit. Das größte Gemeinwohl heißt nicht Grad des Wohls mal Anzahl der Betroffen. Es nimmt Maß am Wohl des einzelnen Menschen.
Wenn nur ein einziger Mensch durch eine gesetzte Handlung geschädigt wird, dann ist diese Handlung böse.
Wenn ich mein Land verteidige und dabei einen Mitmenschen töten muss, so ist das an sich böse. In der Hierarchie des Bösen ist eine solche Handlung sicher zuunterst angesiedelt. Wenn sie unvermeidbar ist, dann muss sie entschuldigt werden. An ihrem Charakter des Bösen ändert sich dabei nichts. (WK)
- Global gesehen wäre somit gut, was dem Zusammenleben aller mit allen und dem Leben überhaupt förderlich ist, und böse oder schlecht wäre alles, was diesem großen Ganzen schadet – um zum Abschluss, ungeachtet der obigen Einwände, doch noch eine gewisse Verallgemeinerung zu wagen.
- Des Weiteren zeigt sich, dass der Mensch (jeder Mensch genauso wie das menschennahe Tier) nicht einfach gut oder böse ist, sondern je nach Situation beides sein kann.
- Die Fähigkeit des Menschen beides bis zu dem schier unbekannten Extremen zu steigern, liegt in erster Linie an den viel größeren Freiheitsgraden des menschlichen Gehirns beziehungsweise des menschlichen Fühl-, Denk- und Handlungsapparates.
- Oder einfacher gesagt: Der Mensch ist, weit mehr und anders als das Tier, sowohl zum Höchsten wie auch zum Niedrigsten fähig. Was ist mit solchen Verallgemeinerungen gewonnen? Wenig.
Zu Nr. 37 bis 40: Natürlich steckt in jedem Menschen gut und bös. Natürlich ist die Entscheidungsfreiheit des Menschen der Grund zum Bösen (siehe auch „unvereinbare Attribute Gottes“). Ohne diese Freiheit hätte der Mensch genauso wie das Tier keine Verantwortung für sein Tun. (WK)
- Und ist das Problem nun wirklich gelöst? Keineswegs.
- „Gut“ und „böse“ sind in der Krise, wie auch unsere religiösen Begriffe in der Krise sind. Beides hängt mit dem Zusammenprall der verschiedensten Kulturen infolge der Globalisierung zusammen.
- Sicher ist nur: In allen mit dem Religiösen zusammenhängenden Bereichen ist es höchste Zeit einen Sprung auf eine höhere Verstehensebene zu wagen.
Zu Nr. 41 bis 43: „Böse“ darf nicht durch Umstände verwässert werden.
Ein Beispiel: Kreuzzüge sind böse, selbst wenn ein Regierender mit dem Bann bedroht wird, wenn er daran nicht teilnimmt. (siehe Kaiser Friedrich II, der, statt dreinzuschlagen und zu töten, auf Zeit und Verhandlungen gesetzt hat). (WK)
Zusammenfassung
- Gut und böse sind Adjektive zu Absichten oder Handlungen des Menschen
- Gut und böse sind Aussagen der Ethik.
- Sie sind Grundbegriffe der Gerechtigkeit
Bemerkung:
Die Einteilung der Menschen in anständig und unanständig nach Frankl stimmt nur mit der Ergänzung: Anständige setzen vorwiegend anständige Handlungen und umgekehrt.
Aus demselben Grund kann das „absolute Böse“ (Hannah Arendt) nur einer Handlung und nicht einem Menschen zukommen.
- Sie sind wichtige Begriffe für das menschliche Zusammenleben.
- Die Menschen sind nicht in der Lage gut und bös einheitlich zu beurteilen.
- Sie werden durch individuelle Beurteilung in Widersprüche verwickelt, denn, was dem einen als gut erschein, kann für den anderen böse sein.
- Auch Staaten und Politik können einander nicht einheitlich beurteilen (sie menscheln).
- Von einer universell gleichen Beurteilung dieser beiden Adjektive ist die gesamte Menschheit leider noch weit entfernt.
- Nur, wenn man sich darauf einigen könnte, die Förderung beziehungsweise Beschädigung des Wohls jedes einzelnen Menschen (Einzelwohl) als Basis für eine einheitliche Beurteilung von gut beziehungsweise bös gelten zu lassen, kann man auf ein Gelingen der einheitlichen Beurteilung hoffen.
- Es gibt eine Hierarchie von gut und böse.
- Die Basis für diese Hierarchie ist die Absicht, die diesen Handlungen zugrunde liegt. (Siehe Beispiel Landesverteidigung).
- Die Begriffe gut oder böse können nur auf Menschen angewendet werden.
- Nur die Freiheit des Menschen bei der Entscheidung für oder gegen eine Handlung ist der Grund, dass er Verantwortung für sein Tun hat.
- Diese beiden Adjektive kommen weder der Natur noch anderen Lebewesen zu.
- Nur der Mensch hat die Freiheit der Entscheidung.
Schlusswort
Ich habe versucht, einen Vorschlag für die einheitliche Beurteilung von gut und böse zu geben.
Dieser beruht auf dem Wohlergehen des einzelnen Menschen.
Nur bei einheitlicher Beurteilung von gut und böse kommt man zu einer einheitlichen Ethik.
Walter Kapral, 20. Juli 2024
