Wenn ich über den Begriff des Sinns nachdenke, habe ich das Gefühl, ins Uferlose zu geraten. Es kommen mir sehr viele Gedanken dazu.
Ich glaube, dass Begriffe der Sinn (oder das Sinnvolle) und das Gute eng zusammengehören.
So will ich damit beginnen, die Meinung zu „Das Gute und der Sinn“ einzuholen bei:
1. Platon
2. Aristoteles
3. Augustinus
4. Thomas von Aquin
5. Boethius
6. Kant
7. Heidegger
8. Popper
9. Foucault
10.Goethe
11.Frankl
Ad 1) Platon (ca. 427-347 v. Chr.)
Platon gibt meines Wissens keine Definition von Gut und Sinn. Er nähert sich dem Verständnis dieser beiden Begriffe, indem er sie in Zusammenhang mit anderen Begriffen bringt.
Das Gute vergleicht er in seinem berühmten Sonnengleichnis mit der Sonne. Das Sonnengleichnis illustriert Platons Idee, dass die höchste Form der Erkenntnis und das höchste Ziel des philosophischen Strebens die Erkenntnis des Guten ist, das alles andere Wissen erhellt und ermöglicht.
Beim Sinn geht es Platon darum, den tieferen Sinn oder Zweck der Existenz und der Wirklichkeit zu verstehen. Sinn bezieht sich auf das Verständnis der tieferen Wirklichkeit und der Ideen, besonders der Idee des Guten, die die höchste Form von Sinn darstellt.
Ad 2) Aristoteles (384-322 v. Chr.)
Das Gute wird in der Nikomachischen Ethik schon auf der ersten Seite des ersten Buches genannt.
„Wenn es nun ein Ziel des Handelns gibt, das wir um seiner selbst wegen wollen … , so muss ein solches Ziel offenbar das Gute und das Beste sein.“
Aristoteles argumentiert, dass alle menschlichen Handlungen auf ein höchstes Gut abzielen, das er als Eudaimonia (Glückseligkeit oder gelungenes Leben) bezeichnet. Eudaimonia ist das Endziel, das um seiner selbst willen erstrebenswert ist und nicht als Mittel zu einem anderen Zweck. Eudaimonia ist ein Zustand, der durch ein voll verwirklichtes Leben erreicht wird, in dem die Fähigkeiten und Tugenden des Menschen vollständig zur Entfaltung kommen.
In der „Nikomachischen Ethik“ ist das Konzept des „Guten“ zentral für das Verständnis der Ethik und des menschlichen Lebens. Aristoteles untersucht, was das höchste Gut für den Menschen ist und wie dieses Gut erreicht werden kann.
In der Nikomachischen Ethik hat der Begriff des „Sinns“ auch eine starke teleologische Komponente. Alles in der Natur hat nach seiner Ansicht einen Zweck oder ein Ziel (Telos). Das Verständnis von „Sinn“ hat mehrere Dimensionen: die Sinneswahrnehmung, die Bedeutung und Zweckmäßigkeit (Telos) und die Vernunft.
Auch in der „Nikomachischen Ethik“ bezieht sich der „Sinn“ (Telos) auf das höchste Ziel des menschlichen Lebens, die Eudaimonia, das durch ein tugendhaftes Leben erreicht wird. Dieses Konzept ist tief in Aristoteles‘ teleologischer Sichtweise verwurzelt, dass jedes Wesen und jede Handlung auf ein bestimmtes Ziel oder einen bestimmten Zweck hin ausgerichtet ist. Die Vernunft, die Anwendung der Tugend und die soziale Dimension des menschlichen Lebens sind dabei zentrale Aspekte, die zusammen das Verständnis von einem sinnvollen und guten Leben bei Aristoteles ausmachen.
Ad 3) Augustinus von Hippo (354-430)
Für Augustinus ist das höchste Gute Gott selbst, und alles Gute in der Welt leitet sich von Gott ab. Das Böse ist ein Mangel an Gutem, der durch den Missbrauch des freien Willens entsteht.
Der Sinn des Lebens besteht darin, die Gemeinschaft mit Gott zu suchen und zu finden. Diese Gemeinschaft wird durch Liebe, Umkehr und die Gnade Gottes erreicht.
Augustinus‘ Philosophie verbindet somit metaphysische, ethische und theologische Überlegungen zu einer kohärenten Sicht des Guten und des menschlichen Lebenssinns.
Ad 4) Thomas von Aquin (1225-1274)
Wie Augustinus sieht Thomas von Aquin Gott als das höchste Gut. Gott ist der Ursprung und das Ziel aller Dinge. Alles Gute in der Schöpfung ist eine Teilnahme an der Güte Gottes.
Der Sinn des Lebens besteht für Thomas von Aquin darin, das höchste Gut zu erreichen, das Gott selbst ist. Dies entspricht der aristotelischen Idee des Telos, das höchste Ziel oder den Zweck des menschlichen Lebens.
Ad 5) Boethius (480-524 n. Chr.), ein römischer Philosoph und Staatsmann
Boethius folgt der Tradition von Platon und Augustinus und sieht das höchste Gut in Gott. Das höchste Gut ist vollkommen und unveränderlich und wird nur in der Einheit mit Gott erreicht.
Der Sinn des Lebens besteht für Boethius im Streben nach dem höchsten Gut, also nach Gott. Dieses Streben ist die einzige Quelle des wahren und dauerhaften Glücks.
Ad 6) Emanuel Kant (22.04.1724 bis12.02.1804)
Kant definiert das „Gute“ nicht, sondern diskutiert das Konzept des „Guten“ hauptsächlich in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ und der „Kritik der praktischen Vernunft“. Er definiert das Gute nicht durch äußere Konsequenzen, sondern durch innere Prinzipien und Motive.
Zentrale Aspekte seiner Auffassung sind:
Der gute Wille ist für Kant der einzige unbedingte Wert. Ein Handeln ist nur dann moralisch gut, wenn es aus einem guten Willen heraus geschieht, unabhängig von den Konsequenzen.
Der kategorischer Imperativ ist das zentrale Prinzip seiner Moralphilosophie, welches besagt, dass man nur nach derjenigen Maxime handeln soll, von der man wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz wird. Dies dient als Kriterium zur Beurteilung der moralischen Qualität einer Handlung.
Auch den Begriff „Sinn“ definiert Kant in seiner Philosophie nicht.
Der Sinn des Lebens könnte in der Verwirklichung der eigenen Vernunft und des moralischen Handelns liegen.
Ad 7) Martin Heidegger (26.09.1889 bis 26.05.1976)
Er definiert das „Gute“ nicht. Sein Konzept des Guten ist in seinen Überlegungen zur Kunst, Wahrheit und Lichtung enthalten. Auch den Sinn definiert Heidegger nicht, sondern sieht ihn im Verständnis und in der Verwirklichung des eigenen Seins.
Ad 8) Sir Karl Popper (28.07.1902 bis 17.09.1074)
Karl Popper definiert nicht „Den Sinn“ und „Das Gute“. Trotzdem bieten seine Arbeiten wertvolle Einblicke.
Das Gute besteht für Popper darin, eine offene Gesellschaft zu fördern, in der Kritik und Verbesserung möglich sind, und in der die Freiheit und Würde des Einzelnen respektiert werden.
Der Sinn des Lebens liegt für Popper möglicherweise darin, Wissen zu erweitern, Probleme zu lösen und zur Verbesserung der Gesellschaft beizutragen.
Ad 9) Michel Foucault (15.10.1922 bis 25.06.1984)
Michel Foucault war ein einflussreicher Denker, der sich intensiv mit Machtstrukturen, Wissenssystemen und deren historischen Entwicklungen auseinandersetzte. Seine Perspektive auf „Sinn“ und „das Gute“ ist stark durch diese Themen geprägt.
Das Gute: Foucault war skeptisch gegenüber universellen Definitionen von Moral und Gutem, da er glaubte, dass solche Konzepte oft als Werkzeuge der Macht benutzt werden. Er untersuchte, wie gesellschaftliche Institutionen, wie Gefängnisse, Schulen und Krankenhäuser, Normen des „Guten“ und „Bösen“ durchsetzen.
Den „Sinn“ des Lebens betrachtet Foucault als sozial und historisch konstruiert, geprägt von den Diskursen und Machtverhältnissen der jeweiligen Zeit.
Ad 10) Johann Wolfgang von Goethe (28.08.1749 bis 22.03.1832)
Goethe beschäftigt sich in Faust 1 nur ganz kurz mit dem Sinn: Faust beginnt das Johannes-Evangelium ins Deutsche zu übertragen. Dabei versucht er das „Wort“ als Sinn zu übersetzen, hört damit aber gleich wieder auf:
„… Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? …“
Faust 1 Vers 1229 bis 2232
In Faust 2 legt Goethe die Beschreibung des Sinns in den Mund des Mephisto: Dieser beschreibt Faust den Weg zu den Müttern: ein Schlüssel wird Faust zu den Müttern führen. Dort angekommen werde er beim Schein eines Dreifußes
„… die Mütter sehn,
die einen sitzen, andre stehn und gehen.
Wie`s eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung,
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung …“
Faust 2, Vers 6285 bis 6288
So etwas kann nur der Teufel sagen. Es ist die reine Sinnlosigkeit, in der sich die Mütter befinden. Also weiß der tiefdenkende Goethe zum ewigen Sinn auch nicht mehr zu sagen.
Ad 11) Viktor E. Frankl (26.03.1905 bis 02.09.1907)
Frankl versteht das Gute als einen fundamentalen Wert, der untrennbar mit dem menschlichen Dasein verbunden ist. Das Gute manifestiert sich in verschiedenen Formen, wie Liebe, Mitgefühl, Gerechtigkeit und Wahrheit. Nach Frankl ist das Streben nach dem Guten ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Existenz.
Dabei betont er, dass das Gute nicht nur eine abstrakte Idee ist, sondern durch konkrete Handlungen und Entscheidungen im Alltag verwirklicht wird.
Der zentrale Begriff in Frankls Philosophie ist der „Sinn“. Er vertritt die Auffassung, dass das Streben nach Sinn eine primäre Motivation des Menschen darstellt. Dies steht im Gegensatz zu anderen Theorien, die den Willen zur Macht (Nietzsche) oder das Lustprinzip (Freud) in den Vordergrund stellen.
Laut Frankl kann der Sinn des Lebens auf drei Weisen gefunden werden:
- Schöpferische Werte: Dies beinhaltet das Schaffen von Werken oder das
Erreichen von Zielen, die einen positiven Beitrag zur Welt leisten. - Erlebniswerte: Dies bezieht sich auf das Erleben von Schönheit, Kunst, Natur
oder zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist das aktive Erleben von Liebe
und Freundschaft. - Einstellungswerte: Dies bedeutet eine positive Haltung gegenüber
unvermeidbarem Leid oder schwierigen Situationen einzunehmen. Es geht
darum, wie man auf Herausforderungen reagiert und welche Einstellung man
gegenüber dem Schicksal hat.
Frankl betont, dass der Sinn nicht durch objektive Kriterien festgelegt wird, sondern individuell und subjektiv ist. Jeder Mensch muss seinen eigenen Sinn im Leben finden und gestalten. Er führt aus, dass die Sinnfindung oft in der Auseinandersetzung mit Leiden und Herausforderungen erfolgt. Hier zeigt sich auch das Gute, da das Streben nach einem höheren Sinn oft mit dem Streben nach moralischem und ethischem Verhalten einhergeht.
Bemerkung: Mit diesen elf Punkten beende ich die Befragung bedeutender Denker, um nicht ins Uferlose zu geraten, wie ich eingangs befürchtet habe.
Zusammenfassung der Befragung und Versuch einer Beurteilung der Sicht der Befragten über Sinn und Gut
Auffallend ist, dass eine exakte Definition, also des Was, von Sinn und Gutem bei keinem der Befragten gegeben wird.
Ad1) Platon Vergleicht das Gute mit der Sonne, den Sinn (des Lebens) setzt er mit
dem Zweck des Sinns tieferer Erkenntnis gleich.
Ad 2) Aristoteles nennt das Gute als das von jedem Menschen angestrebte Ziel. Dieses Ziel ist die Eudaimonia*). Dieselbe anzustreben ist der Sinn des Lebens. Der Sinn ist auf ein Ziel ausgerichtet. Das höchste Ziel ist die Eudaimonia.
Anmerkung: Eudaimonia bezeichnet in philosophischen Texten eine gelungene Lebensführung nach den Anforderungen und Grundsätzen einer philosophischen Ethik und den damit verbundenen ausgeglichenen Gemütszustand. Gewöhnlich wird es mit „Glück“ oder „Glückseligkeit“ übersetzt.
Ad 3) Augustinus bezeichnet Gott als das höchste Gute und den Sinn des Lebens als das Streben nach Gott und Erreichen dieses Ziels.
Ad 4) Thomas von Aquin sieht das Gute und den Sinn ähnlich wie Augustinus. Beide, Augustinus und Thomas, versuchen anscheinen eine Definition des Guten (und des Sinns) durch die Gleichsetzung mit Gott. Da aber Gott nicht beweisbar und definierbar ist, gelingt dieser Versuch nicht oder nur näherungsweise.
Ad5) Boethius sieht das höchste Gut in Gott und argumentiert, dass der Sinn des Lebens im Streben nach diesem höchsten Gut liegt. Wahres Glück und Erfüllung können nur durch die Teilnahme am göttlichen Wesen und die Erkenntnis der wahren Güter erreicht werden. Die philosophische Reflexion spielt eine zentrale Rolle bei der Unterscheidung zwischen wahren und falschen Gütern und bei der Erlangung von Weisheit und innerem Frieden. Boethius‘ Philosophie bietet eine tiefe, theologisch
fundierte Reflexion über das Gute und den Sinn des Lebens, die sowohl in der Tradition der antiken Philosophie als auch des christlichen Denkens verwurzelt ist.
Ad 6) Kant erhellt wesentlich den Begriff des Guten mit seinem kategorischen Imperativ ohne Zuhilfenahme des Gottesbegriffs, ohne zu einer Definition zu gelangen.
Den Sinn des Lebens sieht er in der Verwirklichung des kategorischen Imperativs.
Ad 7) Heidegger und
Ad 8) Popper tragen ohne Definition zu Erweiterung der Sicht von Sinn und Gutem bei.
Ad 9) Foucault betrachtet das Gute nur als Machtmittel und den Sinn überhaupt nur konstruiert von den geltenden Paradigmen.
Ad 10) Goethe berührt den Sinn in seiner Dichtung „Faust“ zweimal nur kurz. Zum Guten weiß er eigentlich nichts zu sagen. Das wäre auch schwierig, denn gut kann man den Faust wirklich nicht nennen. Interessant ist der Vers 11964 und 11965, dass es die Liebe ist, die den Erdenrest (das Böse als Gegenteil zum Guten) zu beseitigen vermag.
Ad 11) Frankl bereichert unser Wissen über das Gute und den Sinn bedeutend. Seine Meinung zu Gut und Sinn ist oben schon dargelegt. Ergänzend darf ich noch auf seine Rede über „die Diversität der Wissenschaft und die Einheit des Menschen“ hinweisen. In dieser betont Frankl unter Anderem die Notwendigkeit der Sinnfindung für jeden Menschen. Wenn ein Mensch von der Sinnlosigkeit seines Lebens überzeugt ist, läuft er Gefahr in ein „Existentielles Vakuum“ zu fallen, bei dem die Gefahr des
Selbstmordes sehr erhöht ist, wie Studien aus Amerika und Europa zeigen.
Diskussion
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- Mit Verstand allein kann man sich kaum dem Was von Sinn und Gutem nähern.
- Die christlichen Philosophen versuchen eine Definition von „Gut“ durch die Gleichsetzung des Guten mit Gott. Damit gelingt es ihnen besser als den anderen Philosophen, das Gute einem Teil der Menschheit, nämlich dem an Gott glaubenden Teil, eine Begründung für ethisches Handeln zu geben.
- Möglicherweise findet der „Sinn“ durch den Gottesbegriff eine Definition.
- Diese Definitionen der Begriffe „Gut“ und „Sinn“ durch den Begriff „Gott“ sind, glaube ich, tautologisch, weil sie Gott mit dem Guten und dem Sinn, das Gute und den Sinn mit Gott gleichsetzen.
- Die Begründung einer Ethik ohne Gottesbegriff ist sehr viel schwieriger.
Bemerkung: Ich habe jetzt den Begriff „Ethik“ ins Spiel gebracht, weil dieser eine enge Beziehung zu Sinn und Gut hat. - Das Gute stellt an sich einen Wert dar.
- Den Wert, also gut und sein Gegenteil, erkennen wir mit unserem Gefühl.
- Wie ich schon einmal ausgeführt habe, orientieren wir uns in der Welt mit Verstand, Vernunft, Gefühl, Gewissen und Glaube (Meinung).
Ich berufe mich auf Schleiermacher: Der Ausspruch „das Gute muss man fühlen“ wird Friedrich Schleiermacher zugeschrieben. Schleiermacher war ein deutscher Theologe, Philosoph und Pädagoge, der als einer der Begründer der modernen Hermeneutik gilt. Seine Arbeiten betonen oft die Bedeutung der inneren Erfahrung und des Gefühls in religiösen und ethischen Kontexten. (KI) - Meiner Meinung nach wird dieses Gefühl von unserem Gewissen unterstützt.
- Unsere Vernunft trifft die Wertentscheidung (gut oder schlecht) auf Grund des Gefühls und des Gewissens.
- Sinn und das Sinnvolle haben für sich allein noch keinen Wert, den man ihnen zuordnen könnte.
- Erst wenn man den Sinn in seinem Zusammenhang mit seinem Zweck betrachtet, der gut oder schlecht sein kann, ermöglicht eine Wertzuweisung.
- Ob eine Handlung sinnvoll ist, beurteilt der Verstand. Diese Beurteilung ist noch immer Wert frei.
- Die Vernunft wird in der Wertbeurteilung eines Sinns vom Verstand unterstützt.
- Wenn eine Handlung sinnvoll ist, muss ihr Ziel nicht unbedingt gut sein. (Auch Verbrecher handeln bei ihrem verbrecherischen Vorhaben sinnvoll).
- Das bedeutet: der Sinn ist an und für sich wertneutral.
- Der Wert des Sinns einer Handlung in einer bestimmten einmaligen und einzigartigen Lebenssituation ergibt sich erst aus der Wertbeurteilung des Zwecks.
Wenn im Folgenden von Sinn ohne Beifügung von „gut“ gesprochen wird, so ist der gute Sinn gemeint.
- Wie ich schon beschrieben habe, beeinflusst (nach Frankl) das Weltbild jedes Menschen, diesen bezüglich seiner Haltung den Mitmenschen gegenüber.
- Ist diese Haltung auf Mitmenschen und das ganze Sein bezogen, gewinnt er Freude und Glück.
- Dieses Tun aus dieser Haltung heraus ist nachhaltig, weil es bis in weite Zukunft wirkt, und daher sinnvoll. Es ist auf das Gute ausgerichtet.
- Sinn erfährt der Mensch in dreifacher Weise: durch das Tun des Guten, durch das Erleben von Gutem und durch standhaftes Erleiden des Leidvollen.
- Ich zitiere Frankl (Gottsuche…, Seite 128), (dass der Mensch zu extrem Bösem und zu höchstem Sinn im Leiden befähigt ist): „Der Mensch ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat, aber auch das Wesen, das in eben diese Gaskammern eingetreten ist mit einem Gebet auf den Lippen.
- Wie oben schon ausgeführt, hat Frankl in dem Festvortrag unter dem Titel „Die Diversität der Wissenschaften und die Einheit des Menschen“, den er beim 600-Jahr-Jubiläum der Universität Wien 1965 gehalten hat, dringend darauf hingewiesen, dass der Mensch den Sinn in seinem Leben braucht. Wenn der Mensch keinen Sinn für sein Leben findet, kann er in ein existentielles Vakuum
fallen. Ein solcher Mensch ist hochgradig Selbstmord gefährdet, wie amerikanische und europäische Untersuchungen bewiesen haben. - Es gibt eine Hierarchie bei „Gut“ und „Sinn“: Das Bessere rangiert vor dem Guten, und das Sinnvollere vor dem Sinnvollen.
Zusammenfassung
- Der Sinn und das Gute sind Eckpfeiler im Tun und Denken des Menschen.
- Der Sinn ist für sich allein wertfrei.
- Den Wert des Guten gewinnt der Sinn, wenn er als gut bezeichnet werden kann.
- Der Verstand trifft letzten Endes die Entscheidung über den Sinn und das Gute.
- Eine Hierarchie gibt es sowohl beim Sinn als auch beim Guten.
Schlusswort
Abschließend möchte ich auf die Wichtigkeit und Beachtung der Hierarchie bei Sinn und Gut anhand zweier Beispiele aus der österreichischen Politik hinweisen.
- Diese Hierarchie ist bei der Auslegung von Gesetzen zu beachten.
- Zweifellos stellen Sinn, Gut und Gewissen einen höheren Wert dar, als ein reiner Gesetzestext.
- Diesem sind zu Eigen mögliche Fehlerhaftigkeit oder mangelnde Beachtung von Wert-Hierarchien, vor allem des Guten.
- „Gesetz muss Gesetz bleiben“ ist sicher ein wichtiger und sinnvoller Standpunkt im öffentlichen Leben.
- Wenn aber ein Gesetz in gewissen Abschnitten sich als nicht gut (schlecht) erweist, ist dieser Abschnitt sofort außer Kraft zu setzen und das Gesetz zu korrigieren.
Beispiele:
1.) Ich erinnere mich dabei an das Asylgesetz, Kraft dessen eine gut integrierte Jugendliche in ihr Heimatland abgeschoben wurde, entgegen dem Rechtsempfinden vieler Menschen.
2.) Auch das letzte Zerwürfnis in der Bundesregierung wegen des Alleinganges von Ministerin Leonore Gewessler könnte durch Beachtung der Wert-Hierarchie des „Guten“ gelöst werden.
Zweifellos ist das Renaturierung-Gesetz für die Zukunft ganz Europas von größerem Wert gegenüber den Wünschen eines einzigen Landes, wie Österreich es ist.
Die Schwierigkeit liegt in der Bindung einer Ministerentscheidung an gesetzliche Bestimmungen. Das ist gewöhnlich wertvoll und gut. Bei einer so für die Zukunft Richtung weisenden Entscheidung hätte das Gewissen der Frau Ministerin große Beachtung und Berücksichtigung verdient.
Mit ihrer Entscheidung ist sie ihrem Gewissen gefolgt.
Die Entscheidung für das Renaturierungs-Gesetz hat Gewessler das wesentlich Bessere für ganz Europa gewählt. Bei Befolgung des an und für sich guten Gesetzes über Ministerbefugnisse hätte Gewessler dieses EU-Gesetz nicht unterstützen dürfen.
Ihre Entscheidung war aber das Zünglein an der Waage und dieses wichtige EU-Gesetz wäre nicht zustande gekommen.
In einer Regierung, in der Vertrauen herrscht und die Hierarchie der Werte beachtet wird, hätte in diesem speziellen Fall eine Lösung im Sinn der EU-Kommission gefunden werden müssen.
Sinnerfüllung zum Zweck des Guten und das Gute an sich sind wichtige Werte im Leben der Gesellschaft und im Leben des einzelnen Menschen.
Walter Kapral, 25. Juni 2024
