Das Gewissen

Viktor Frankl schreibt in seinem Buch „Ärztliche Seelsorge“ auf Seite 87 (3. Auflage) „Das Gewissen ist ein Sinnorgan“, das fehlbar ist und irren kann.

Ich kann diese Aussage bei aller Verehrung für den Autor nicht nachvollziehen und möchte sagen, warum nicht.

Um die derzeit bestehenden Meinungen über das Gewissen einzuholen, habe ich Wikipedia und Chats befragt:

  1. In Wikipedia liest man über das Gewissen unter anderem Folgendes:

Die heutige Bedeutung von Gewissen geht wesentlich auf Martin Luther zurück. Vor ihm konnte Gewissen auch Bewusstsein oder ein verstärktes Wissen (Gewissheit) ausdrücken.

Darunter kann man konkret das Mitwissen einer übergeordneten Instanz um das eigene Handeln verstehen, manchmal eher unser eigenes, handlungsbegleitendes Wissen um den moralischen Wert der Handlungen. In diesem Sinne charakterisiert Johann Gottfried Gregorii alias Melissantes in einem auf moraltheologischer Grundlage erstellten Fürstenspiegel im Jahr 1715 das Gewissen als inneren Spiegel der Emotionen, der „ohnfehlbar saget was Recht oder Unrecht ist, und also nicht heuchelt. Es ist ein unpartheyischer Richter in der Menschen-Herzen, wo sich die Gedanken untereinander verklagen und entschuldigen. Es ist ein gewisser Zeuge, welcher am jüngsten Gerichte gar viel zu sagen haben wird“. Gewissensfreiheit fordert Melissantes im Zusammenhang mit Religionsfreiheit, „damit man das Gewissen nicht verletze.

Das Strukturmodell der Psyche (1923) nach Sigmund Freud beruht auf der Unterscheidung von Es, Ich und Über-Ich.

Freuds Vorstellung nach wird das unbewusst-triebhafte Es in seinen Äußerungen durch das Über-Ich hemmend kontrolliert. Dabei wird das Über-Ich verstanden als Introjekt, also Verinnerlichung der elterlichen und gesellschaftlichen Autorität, wodurch sich das Gewissen herausbildet. Es veranlasst das Kind, gesellschaftlich übliche oder erwartete Verhaltensweisen und Erwartungen einzuhalten. Das reife Ich, die individuelle Persönlichkeit mit ihren aus Erfahrung gewonnenen bewussten Wertsetzungen, bildet sich in der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner gesellschaftlichen Umwelt und durch Überwindung der Anforderungen des Über-Ichs.

Für C. G. Jung ist 1958/1959 das Gewissen ein unbewusster, autonomer Komplex der menschlichen Psyche, der sich gegebenenfalls auch gegen die bewusste Absicht des Individuums durchsetzt. Es wird unterschieden zwischen einem sittlich-moralischen und einem ethischen Gewissen.

Dialektischer Materialismus

Nach dem Dialektischen Materialismus (Marx) spiegelt das Gewissen den wandelbaren Gesellschaftszustand, welcher sich aus wechselnden materiellen Produktionsverhältnissen erkläre, wider. Da die Materie, die einzige Wirklichkeit, sich ständig verändere, gelte keine sittliche Wahrheit absolut.

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin (13. Jahrhundert) definiert, im Anschluss an Albertus Magnus, das Gewissen als Vollzug eines Urteils über den moralischen Wert einer Handlung. Er erkennt im Gewissen zwei Aspekte, eine Gewissensanlage (synderesis) und den konkreten Gewissensakt (conscientia), in dem von außen herangeführte Normen und Erfahrungen auf Grund der Gewissenanlage zu einem Urteil verschmelzen. Das Urteil des Gewissens ist für Thomas die letzte Instanz, nach der sich der Mensch zu richten hat, auch wenn er damit der offiziellen Kirche widerspricht. Das Gewissen vollzieht die Gründe und Überlegungen nach, die zu dieser Handlung geführt haben, ist aber nicht wie das Streben nach Vermögen dem Einfluss durch Emotionen und Affekte ausgesetzt. Deshalb kann es zu einem Missverhältnis zwischen Handlungswahl und Gewissensurteil kommen (genannt „schlechtes Gewissen“). Das schlechte im Sinne eines peinigenden Gewissens tritt aber erst bei Luther in den Vordergrund, der dieses zur Grundform des Gewissens erklärt.

Protestantische Theologie

Luther beruft sich […] auf die Freiheit des Gewissens. Das ist an sich nichts radikal Neues gewesen; seit Thomas von Aquin wurde das Gewissen als die Instanz im Menschen verstanden, dem unbedingt zu folgen ist, selbst wenn es irrt. Darauf beruft sich Luther vor dem Reichstag zu Worms; und doch bestimmt er den Begriff des Gewissens neu: Es ist hier nicht die von Gott in den Menschen gelegte handlungsorientierende Instanz, sondern es ist in der Bindung an das Wort Gottes handlungsbeurteilende Instanz. Das heißt, das Gewissen ist nunmehr nicht göttlichen Ursprungs, wie in der mittelalterlichen scholastischen Theologie (synteresis vs. conscientia), sondern nichts anderes als das innerpsychische Mitwissen des Menschen mit seinem Tun und die von äußeren, vorgegebenen Werten geprägte Beurteilungsinstanz im Menschen selbst. Damit orientierte Luther sich an der Bedeutung von „Gewissen“, wie er es in den Briefen des Apostels Paulus vorgefunden hat: Hier verwendet Paulus das Wort syneidesis, was das „Mitwissen“ mit sich selbst bedeutet.

John Henry Newman

Für John Henry Newman (1801–1890) gibt es im Gewissenserlebnis Momente der Tiefe, in denen der Mensch das Echo der Stimme Gottes vernimmt. Er vertritt damit eine eher mystische Auffassung von der Anwesenheit Gottes im menschlichen Gewissen.

Zweites Vatikanisches Konzil

Im Zweiten Vatikanum (1962–1965) besteht eine Spannung in der Erklärung der Wirkungsweise des Gewissens, die vom Kompromisscharakter der Konzilstexte herrührt. Nach der Pastoralkonstitution Gaudium et spes ist das Gewissen ausgezeichneter Ort der Gottesbegegnung, „verborgenste Mitte“ und „Heiligtum im Menschen“. An anderer Stelle ist jedoch die Rede von einem „Gesetz, […] dem der Mensch gehorchen muss“.

Hier sehen einige Interpreten einen Widerspruch zwischen autonomer Gewissensentscheidung des Einzelnen und Gewissen als Ausrichtung an internalisierten kirchlichen Sittennormen. In der nachkonziliaren lehramtlichen Entwicklung, den Enzykliken Humanae Vitae oder Veritatis splendor tritt der zweite Aspekt in den Vordergrund und die freie Gewissensentscheidung im Dialog mit der „inneren Stimme“ wird als weniger bedeutsam angesehen.

Der Katechismus der Katholischen Kirche (1993) betont, dass das Gewissen lebenslang anhand des Wortes Gottes gebildet und geformt werden muss, damit es ein richtiges Urteil abgeben kann (Gewissensbildung, Katechismus Nr. 1783–1785). Das Gewissen kann richtig urteilen, wenn es in Übereinstimmung mit der Vernunft und dem göttlichen Gesetz ist, oder irren, falls es sich an beides nicht hält (Katechismus Nr. 1786). Der Mensch muss auch einem irrigen Gewissen folgen, wenn er sich um die rechte Gewissensbildung bemüht hat (Katechismus Nr. 1793)

Evolution des Gewissens

Strategien zwischen Egoismus und Gehorsam von Eckart Voland und Renate Voland

Wie alle Lebewesen wurde der Mensch in langen Ausleseprozessen geformt. Damit hat auch sein Gewissen einen biologischen Ursprung; dies scheint der Evolutionstheorie zu widersprechen, denn das Gewissen bremst rücksichtslosen Ellenbogen-Egoismus aus. Eine solche Schwäche produziert aber keine Sieger. Oder doch? Warum also hat sich beim Menschen ein Gewissen entwickelt?

Ist es eine strategisch operierende Instanz zur Balance egoistischer und altruistischer Verhaltenstendenzen angesichts gesellschaftlicher Kooperation wie landläufig vermutet wird? Oder liegt seine Funktion in der Intimität des sozialen Nahbereichs?

  1. Zuletzt habe ich noch die künstliche Intelligenz ChatsAI befragt

Frage 1

Können Sie mir zum Thema Gewissen einige kompetente Ansichten heraussuchen?

Natürlich, gerne! Hier sind einige bekannte Ansichten zum Thema Gewissen:

  1. Immanuel Kant (philosopher) – für Kant war das Gewissen eine universelle moralische Instanz, die jedem Individuum innewohnt und es dazu veranlasst, moralische Entscheidungen zu treffen.
  2. Sigmund Freud (psychologist) – Freud sah das Gewissen als ein Produkt der Sozialisation und als Ausdruck des Über-Ichs, eines Teils des Unbewussten, das moralische Regeln internalisiert hat.
  3. Jean-Paul Sartre (philosopher) – Sartre betrachtete das Gewissen als ein Phänomen, das durch den Konflikt zwischen den persönlichen Wünschen und den moralischen Überzeugungen entsteht.
  4. S. Lewis (philosopher and author) – Lewis betonte, dass das Gewissen nicht nur ein moralischer Kompass sei, sondern auch ein Beweis für die Existenz einer höheren moralischen Autorität.
  5. Thomas von Aquin (Theologe) – St. Thomas von Aquin sah das Gewissen als eine Art innere Stimme, die uns an unsere moralische Verantwortung erinnert und uns hilft, moralisch richtige Entscheidungen zu treffen.

Dies sind nur einige Beispiele, aber es gibt viele weitere Ansichten zum Thema Gewissen aus unterschiedlichen Philosophischen und religiösen Traditionen.

Danke! Sie haben mir sehr geholfen

Gern geschehen! Wenn Sie noch weitere Fragen haben, stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung.

Frage 2

Gibt es eine Theorie in der Evolutionsforschung, die den Instinkt der Tiere als Vorstufe des Gewissens behandelt?

Es gibt einige Theorien in der Evolutionsforschung, die den Zusammenhang zwischen Instinkten und moralischem Verhalten untersuchen. Eine solche Theorie ist die Vorstellung, dass der Instinkt der Tiere als Vorstufe des Gewissens betrachtet werden kann.

Diese Theorie beruht auf der Idee, dass sich das Verhalten von Tieren im Laufe der Evolution entwickelt hat, um die Überlebensfähigkeit der Art zu erhöhen. Instinkte wie das Fressverhalten oder die Fortpflanzung sind für die Art unerlässlich, um sich fortzupflanzen und zu überleben. Es wird vermutet, dass ähnliche evolutionäre Prozesse dazu geführt haben könnten, dass Tiere auch moralische Verhaltensweisen entwickelt haben.

Ein Beispiel für moralisches Verhalten bei Tieren ist das Verhalten von Primaten wie Schimpansen und Bonobos, die soziale Regeln und Normen haben, die für das Zusammenleben in der Gruppe wichtig sind. Diese Regeln beinhalten beispielsweise, dass man sich an bestimmte Verhaltensweisen halten muss, um den Frieden in der Gruppe zu bewahren, oder dass man anderen Gruppenmitgliedern in bestimmten Situationen helfen muss.

Allerdings ist es wichtig zu beachten, dass moralisches Verhalten bei Tieren nicht dasselbe ist wie menschliches moralisches Verhalten. Tiere haben keine bewussten moralischen Überlegungen oder eine Vorstellung von „richtig“ und „falsch“. Vielmehr handelt es sich um Verhaltensweisen, die durch evolutionäre Prozesse entstanden sind und dazu beitragen, dass die Art überleben und gedeihen kann.

Frage 3

Gibt es eine Gehirnregion bei Tieren, die in Zusammenhang mit dem Instinkt steht?

Ja, es gibt bestimmte Gehirnregionen bei Tieren, die mit dem Instinkt in Zusammenhang stehen. Der Instinkt bezieht sich auf angeborene Verhaltensweisen, die Tiere bereits bei der Geburt besitzen und die ihnen helfen, grundlegende Überlebensbedürfnisse zu erfüllen, wie zum Beispiel das Atmen, Essen und Trinken oder das Fliehen oder Angreifen von Feinden.

Ein wichtiger Bereich im Gehirn, der mit dem Instinkt verbunden ist, ist der Hypothalamus. Der Hypothalamus ist eine kleine Struktur im Gehirn, die eine Vielzahl von Funktionen steuert, darunter auch Hunger, Durst, Sexualverhalten und Stressreaktionen. Der Hypothalamus ist auch für die Freisetzung von Hormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol verantwortlich, die eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Stress und der Anpassung an veränderte Umweltbedingungen spielen.

Ein weiterer wichtiger Bereich im Gehirn, der mit dem Instinkt verbunden ist, ist der Mandelkern (Amygdala). Die Amygdala ist eine kleine Struktur im temporalen Lappen des Gehirns, die eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt, insbesondere bei der Angst. Sie hilft Tieren, potenzielle Gefahren in ihrer Umgebung zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, um zu überleben.

Es gibt auch andere Gehirnregionen, die mit dem Instinkt in Verbindung gebracht werden, wie zum Beispiel der Riechkolben, der für die Verarbeitung von Gerüchen zuständig ist, und das limbische System, das für die Steuerung von Emotionen und Verhaltensweisen wie Aggression und Sexualität verantwortlich ist. 

Frage 4

 Gibt es beim Menschen eine Gehirnregion (Area), die mit dem Gewissen in Zusammenhang steht?

Ja, es gibt bestimmte Gehirnregionen beim Menschen, die mit dem Gewissen in Verbindung gebracht werden können. Das Gewissen bezieht sich auf unsere innere Stimme, die uns sagt, was richtig und was falsch ist und die uns dazu veranlasst, moralisch korrekte Entscheidungen zu treffen.

Eine wichtige Gehirnregion, die mit dem Gewissen in Zusammenhang gebracht wird, ist der präfrontale Kortex. Der präfrontale Kortex ist ein Bereich im vorderen Teil des Gehirns, der für eine Vielzahl von Funktionen zuständig ist, darunter auch für die Planung, Entscheidungsfindung, Selbstkontrolle und die Regulation von Emotionen. Forschungen haben gezeigt, dass Verletzungen oder Störungen im präfrontalen Kortex zu Beeinträchtigungen der moralischen Urteilsfähigkeit führen können.

Ein weiterer Bereich im Gehirn, der mit dem Gewissen in Zusammenhang gebracht wird, ist das limbische System. Das limbische System ist ein Netzwerk von Gehirnregionen, das für die Verarbeitung von Emotionen und Verhaltensweisen wie Aggression, Angst und Sexualität zuständig ist. Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Bereiche des limbischen Systems, wie zum Beispiel der Gyrus cinguli anterior, an der moralischen Bewertung von Handlungen beteiligt sind.

Weitere Studien haben gezeigt, dass das Zusammenwirken mehrerer Gehirnregionen bei der moralischen Urteilsbildung eine Rolle spielt, darunter auch die Aktivierung der Amygdala, des Insulins, des präfrontalen Kortex und des Gyrus cinguli anterior. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass das Gewissen eine komplexe psychologische und philosophische Konstruktion ist, die nicht auf eine einzige Gehirnregion reduziert werden kann.

Wie man sehen kann, gibt es zahlreiche Meinungen, was das Gewissen sei.

Ich stelle meine Meinung als die eines gläubigen und die Entwicklungs-Theorie als wohl begründet ansehenden Menschen zur Diskussion.

Grundlegende Gedanken:

  1. Auch das Gewissen des Menschen hat sich entwickelt.
  2. Gott hat es entstehen lassen.
  3. Im Gehirn des Menschen gibt es zwar Regionen, die, ähnlich wie beim Tier der Instinkt, in Zusammenhang mit der Gewissens-Bildung stehen. Das Gewissen des Menschen ist aber „eine komplexe psychologische und philosophische Konstruktion, die nicht auf eine einzige Gehirnregion reduziert werden kann.“
  4. Die Entwicklung des Lebens geht stufenweise vor sich.
  5. Die höhere Stufe ist jene, die die größeren Möglichkeiten des Lebensvollzugs hat.
  6. Beim Tier haben sich zu seinem Schutz Instinkte, denen es folgen muss,
  7. Der Mensch hat viele Instinkte mit seinem Verstand weitgehend außer Kraft gesetzt. Es gibt aber auch beim Menschen Instinkte, die für die Existenz des Menschen oder seiner Art wichtig sind, zum Beispiel die Versorgung des Neugeborenen mit allem Notwendigen.
  8. Aus den Instinkten der Tierwelt hat sich das menschliche Gewissen entwickelt, das ihm sagt, was gut oder bös ist. (Siehe Chat AI-Abfragen oben)
  9. Die dem Verstand übergeordnete Instanz ist die Vernunft.
  10. Die Vernunft erhält die Information hinsichtlich gut und bös aus dem Gewissen.
  11. Das Gewissen bewertet das Gute als Wert, das Böse als Unwert.
  12. Die Vernunft sagt dem Verstand, was er soll.
  13. Die Aufgabe des Verstandes ist es, das Sollen durch das Wollen zu verwirklichen.
  14. Die Aufgabe des Menschen ist es, zu allen Bedingungen und Möglichkeiten, die ihm vorgegeben sind, in Freiheit Stellung zu nehmen und frei zu entscheiden.
  15. Damit verbunden ist eine persönliche Verantwortung des Menschen gegenüber allen anderen Menschen, weil seine Entscheidung zur Voraussetzung und Möglichkeit für alle anderen menschlichen Entscheidungen wird.
  16. Diese Voraussetzungen kommen aus der Vergangenheit, verbreitern sich in der Gegenwart und reichen bis in die fernste Zukunft.

Folgende Schlussfolgerungen werden aus diesen grundlegenden Gedanken gezogen:

  1. Die Instinkte der Tiere beziehen sich auf gut/günstig oder schlecht/ungünstig für Art und Individuum. In dieser Beziehung können die Instinkte nicht irren, weil Individuen mit fehlerhaften Instinkten notwendigerweise in längeren Zeiträumen wieder aussterben.
  2. Wenn die Annahme stimmt, dass sich das Gewissen aus den Instinkten weiterentwickelt hat, kann das Gewissen nicht fehlbar sein.
  3. Hingegen ist der Verstand durchaus fehlbar.
  • Dieser kann mit der ihm innewohnenden Logik eine scheinbare Notwendigkeit so in den Vordergrund des Denkens stellen, dass Vernunft und Gewissen überlagert werden.
  • Das kann so weit gehen, dass die warnende Stimme des Gewissens zum Schweigen gebracht wird, ja dass das Gewissen vom Verstand korrumpiert wird und sich der Logik des Verstandes anschließt.
  • Dann kann der Verstand sich im Einklang mit dem Gewissen sehen. Nicht das Gewissen irrt, sondern der Verstand.
  • Die Vernunft ist dann die letzte Instanz, die den Verstand vor seinem Irrtum warnen kann.
  • Die Vernunft bewertet die Folgen einer Verstandes-Entscheidung danach, ob der Mensch zustimmen würde, wenn die Folgen ihn selbst beträfen, oder ob sie dem (christlichen) Gebot der Nächstenliebe widersprechen; einfacher gesagt, ob die Folgen gut oder schlecht sind (siehe auch „Meinungsbildung“)
  • Wird auch die leise Stimme der Vernunft unterdrückt, dann unterliegt die Vernunft dem Verstand.
  • Der Mensch entscheidet sich aber auch in einem solchen Fall frei und verantwortungsvoll zu dem, was er tut.
  1. Die Irrungen des Menschen kommen aus dem Verstand und nicht aus der Vernunft oder dem Gewissen.
  2. Interessanterweise scheint die Aufklärung Verstand und Vernunft gleich zu setzen. Goethe lässt zum Beispiel im Faust den Mephisto sagen: „Ein wenig besser würd er (der Mensch) leben, hätt‘st Du (Gott) ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben. Er (der Mensch) nennt‘s Vernunft und braucht‘s allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein“. Um tierischer als jedes Tier zu sein, ist der Verstand und nicht die Vernunft zuständig.
  3. Das Gewissen ist ein Sinn-Organ. (Frankl)
  4. Bemerkung: Sinnes-Organe vermitteln nicht etwas Falsches (Sinnestäuschung), sondern der Verstand missdeutet die „Impressions“ (Hume)
  5. Gewissen könnte auch als Überinstinkt bezeichnet werden.
  6. Gewissen gehört neben Verstand und Vernunft zu den Entwicklungen der Evolution, die eine neue Dimension des Seins (Frankl), nämlich den Menschen, konstituieren.
  7. Als gläubiger Mensch muss ich hinzufügen, dass es Gott ist, der seiner Schöpfung die Kraft gegeben hat, durch neu Entstehendes aus sich heraus in Freiheit weiter zu wachsen.
  8. Ich glaube, dass Gott in und aus seiner Liebe heraus dem Sein, das er entstehen lässt, Sinn und Ziel gegeben hat. Seiner Schöpfung aber hat er für die Wege (Ziel der Entwicklung) dahin volle Freiheit gegeben, eine Freiheit, die für eine Gegenliebe zu Gott Notwendigkeit ist.

Schlussbemerkung

Meine Thesen enthalten sicher viel Diskussions-Stoff. Meine Absicht ist es, die Bedeutung des Gewissens für das Zusammenleben der Menschen wieder stärker bewusst zu machen.

 

 

Walter Kapral, 24. Oktober 2023